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Lübeck Im Zweifel gegen den Angeklagten

„Der Gerechte“: In John Grishams neuem Justiz-Thriller steht ein verwegener Anwalt im Mittelpunkt.

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John Grisham arbeitete zehn Jahre lang als Anwalt in Memphis.

Lübeck. John Grisham (61) war als Jurist tätig, bevor er 1991 seine Karriere als freier Schriftsteller begann. Er ist ein waschechter Südstaatler aus Arkansas, praktizierte als Anwalt in der Nähe von Memphis/Tennessee und lebt heute in Virginia. Fast alle Romane und Erzählungen Grishams drehen sich um Themen aus der Justiz, so auch sein neues Buch „Der Gerechte“.

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„Der Gerechte“: In John Grishams neuem Justiz-Thriller steht ein verwegener Anwalt im Mittelpunkt.

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Ein etwas hochtrabender Titel für einen Roman über einen Rechtsanwalt, könnte man sagen. Aber dieser Anwalt Sebastian Rudd ist ein Außenseiter im amerikanischen Justizsystem, mehr noch: Er steht mit ihm auf Kriegsfuß. Richter, Staatsanwälte, Polizisten sind für ihn potenzielle Feindbilder, und wenn man in „Der Gerechte“ liest, was diese Leute im Namen der Gerechtigkeit anstellen, dann möchte man Sebastian Rudd durchaus zustimmen.

Rudd benutzt einen gepanzerten Lieferwagen als Büro, seitdem auf seine Kanzlei geschossen wurde. Und er wechselt bei Auftritten im Umland seiner Heimatstadt jeden Tag das Hotel, die 9-mm-Pistole immer griffbereit. Er ist ein Anwalt, der häufig die Verlierer des amerikanischen Traums vor Gericht vertritt, von diesen Verlierern gibt es immer mehr, ihre Chancen vor Gericht aber werden immer kleiner. Rudd macht sich unbeliebt bei seinen Mitbürgern, weil er Außenseiter verteidigt, über die die öffentliche Meinung schon vor der Verhandlung ihr Urteil gesprochen hat.

John Grisham hat dieses Mal ein anderes Erzählformat gewählt. „Der Gerechte“ ist kein voluminöser Roman, sondern eine Sammlung von Geschichten, die einzelnen Fällen gewidmet sind. Das erinnert bisweilen an die Justiz-Erzählungen Ferdinand von Schirachs, nicht in der sprachlichen Qualität, aber in der Machart. Eine Art Rahmenhandlung, die es bei von Schirach nicht gibt, ist der Streit Rudds mit seiner Ex-Frau um das Besuchsrecht für den gemeinsamen Sohn. Auch in diesem Konflikt trägt der Anwalt die ganz harten Bandagen, so wie es seine Art ist.

Denn Sebastian Rudd ist trotz all seines heiligen und berechtigten Zorns auf die Justiz nicht unbedingt ein Gerechter. Bei seinem Kampf um Gerechtigkeit begibt er sich auch auf Wege weit jenseits der Legalität. Er kämpft zum Beispiel für ein Opfer übertriebener Polizeigewalt, dem er mit einer eleganten Erpressung einen hohen Schadenersatz erstreitet. Oder für einen grenzdebilen Satanisten, dem man den Mord an zwei Mädchen in die Schuhe schieben will. Außerdem verteidigt er einen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer, den er selber finanziert hat und der aus Wut nach einer Niederlage den Ringrichter erschlagen hat. Es geht hoch her in diesen Geschichten, die gerade durch ihre kleine Form überzeugen. Sebastian Rudd ist eine interessante Type, ein Outlaw-Rechtsanwalt ohne juristische Hemmungen und ohne überflüssige Moralvorstellungen. Auch wenn er selbst kein Gerechter ist, weiß er doch, was Gerechtigkeit ist.

Jürgen Feldhoff

„Der Gerechte“ von John Grisham, Heyne, 415 Seiten, 22,99 Euro.

LN

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