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Kultur im Norden In Oslo gehen Vampire um
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18:13 20.09.2017

Harry Hole, der legendäre Ermittler mit ungewöhnlichen Methoden und einem gerade eben überwundenen Alkoholproblem, ist wieder mit dabei. Natürlich wieder mit dabei, will man sagen, denn ohne diese schräge Type sind Nesbøs Thriller kaum denkbar. Hole trinkt nicht mehr, er ist glücklich mit seiner großen Liebe Rakel verheiratet. Weil er mehr Zeit mit seiner Frau verbringen will, ist er bei der Polizei ausgeschieden und unterrichtet an der Polizeihochschule. Ein ruhiges Leben in einem Luxus-Wohngebiet von Oslo führt er mittlerweile – aber das kann natürlich nicht auf Dauer gutgehen. Die Schatten der Vergangenheit holen Harry Hole wieder ein.

Jo Nesbø (57) war Finanzanalyst und Musiker, bevor er 1997 seine Krimi- Reihe um Harry Hole startete. Quelle: Foto: Thron Ullberg

Er, der ehemalige Spezialist für Serienkiller der Osloer Polizei, wird vom krankhaft ehrgeizigen Polizeipräsidenten Bellmann gezwungen, in einem bizarren Fall zu ermitteln. Ein Mörder der besonderen Art treibt sein Unwesen in Oslo. Norwegens Hauptstadt, eigentlich ein eher beschaulicher Ort, wird in diesem Roman wieder einmal zur Versuchsstation des Weltuntergangs. Der Mörder ist offensichtlich ein „Vampirist“. So wird er zumindest von einem ziemlich durchgeknallten Psychologen genannt. Auf jeden Fall tötet der Vampir von Oslo seine Opfer durch Bisse mit einem eisernen Gebiss und trinkt ihr Blut; manchmal mixt er sich sogar einen Cocktail aus dem Lebenssaft. Irgendwann kommt Harry Hole auf die Idee, dass ihn die neuen Taten an einen alten Fall erinnern. Die damaligen Täter sitzen jedoch alle noch im Gefängnis, Hole muss mit seinen Ermittlungen ganz von vorne beginnen und gerät in ein seltsames Gespinst von Intrigen und Lügen.

Die unappetitlichen Einzelheiten der Mordserie beschreibt Nesbø präzise und mit eindrucksvoller Gefühllosigkeit. Die Passagen lesen sich, als wenn der Autor mit einem Luftschiff in geringer Höhe über ein Schlachtfeld gefahren wäre, gerade hoch genug, um die Schreie der Opfer nicht mehr vernehmen und den Gestank des vergossenen Blutes nicht mehr riechen zu können. Aber dennoch tief genug, um auch noch die kleinste Kleinigkeit genau zu erkennen. Zu solchen Beschreibungen gehört eine Abgebrühtheit, die man nur selten findet – auch beim Leser. „Durst“ ist kein Roman für Menschen mit schwachem Magen oder schwachen Nerven.

Man könnte auch sagen, dass dieses Buch eine einzige Aneinanderreihung von Geschmacklosigkeiten und Tabubrüchen ist, in dem Schockeffekte wichtiger sind als logische Zusammenhänge. Das ist alles richtig, trifft den Kern des Buches aber dennoch nicht.

„Durst“ ist die Fortsetzung der Tradition – etwa – einer Agatha Christie mit anderen Mitteln, mit Mitteln des 21. Jahrhunderts. Die auch schon im 20. Jahrhundert ausprobiert wurden, zum Beispiel von Thomas Harris in „Das Schweigen der Lämmer“ und seinen anderen Romanen um den Menschenfresser Hannibal Lecter. Alles schon dagewesen.

Was „Durst“ ebenso wie „Das Schweigen der Lämmer“ auszeichnet, ist die ungeheure Spannung von der ersten bis zur letzten Seite. Jo Nesbø lässt den Leser erschauern, trotzdem wirft man das Buch nicht in den Müll, sondern liest immer weiter, bis zum nach allerlei virtuos gestalteten Wendungen das Ende erreicht, das eigentlich kein Ende ist. „Durst“ ist ein Thriller, in dem die Bösen so schlecht sind, wie man es sich gerade eben noch vorstellen kann. Es gibt ohne Zweifel solche Menschen, es gibt verrückte Psychologen und es gibt Ermittler, die in ihrem Job die besten sind und ihn trotzdem hassen. „Durst“ ist der richtige Thriller für diese aus den Fugen geratene Zeit.

„Durst“ von Jo Nesbø, Ullstein, 624 Seiten, 24 Euro.

„Ordnung ins Chaos bringen“

Harry Hole ist zurück, und er ist immer noch besessen davon, diesen Mörder zu fangen, der ihm durch die Lappen gegangen ist. Kennen Sie auch so eine Besessenheit?

Jo Nesbø: Ja, ich kenne das Gefühl, dass man von einer Form von Pflicht angetrieben wird, dass man zu etwas beitragen muss, wenn man ein Talent hat. Harry Hole hat verstanden, dass er besser als andere darin ist, Mörder zu fangen. Diese soziale Verpflichtung, etwas beizutragen, in dem wir gut sind, haben – glaube ich – die meisten von uns. Für Harry ist das ein Fluch, weil er seinen Job hasst. Für mich ist das ein Segen, weil ich meinen Job liebe.

Prasseln die Ideen einfach so auf Sie nieder?

Ja, manchmal muss ich mich richtig blockieren. Ich bin 57 Jahre alt. Ich weiß, dass ich niemals die Zeit haben werde, all die Geschichten zu schreiben, die ich im Kopf habe.

War das schon immer so?

Eigentlich schon seit ich ein Kind war. Es war immer normal für mich, mir Geschichten auszudenken. Geschichten zu erfinden ist ja eine Methode, Ordnung ins Chaos zu bringen. Als Kind ist man ja häufig verängstigt, und mit einer Geschichte kann man Muster, Zusammenhänge und Bedeutungen schaffen. Und sie enden meistens mit einem Happy End.

Sind Sie ein ängstlicher Mensch?

Ich habe zu viel Fantasie, um nicht ängstlich zu sein. Ich kann zum Beispiel keine Horrorfilme sehen. Selbst den schlechtesten Horrorfilm kann ich mir nicht anschauen. Aber ich habe keine Angst, im Dunkeln durch einen Park zu gehen. Ich habe mehr Angst vor meiner eigenen Fantasie. Interview: Sigrid Harms

Von Jürgen Feldhoff

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