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„In der Elbphilharmonie hört man in 3-D“

Lübeck „In der Elbphilharmonie hört man in 3-D“

Intendant Christoph Lieben-Seutter über unzählige Millionen, erlesene Klänge und Einstürzende Neubauten.

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Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie: „Die Hamburger wollen, dass die Welt zu ihnen kommt und dass die großen Stars hier auftreten.“

Quelle: Fotos: Dpa

Lübeck. Herr Lieben-Seutter, denken Sie noch manchmal über die Baukosten der Elbphilharmonie nach?

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Intendant Christoph Lieben-Seutter über unzählige Millionen, erlesene Klänge und Einstürzende Neubauten.

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Christoph Lieben-Seutter: Natürlich schon, weil es unsere Arbeit immer noch beeinflusst. Nicht zuletzt, weil durch die Entstehungsgeschichte der Elbphilharmonie der Erwartungsdruck nochmal anders ist als bei einem normalen Bauwerk. Und natürlich denke ich auch darüber nach, was man hätte anders machen können. Aber das ist vergossene Milch.

Wie hoch waren die Baukosten nochmal?

Lieben-Seutter: Die genaue Zahl müsste ich...

Grob geschätzt?

Lieben-Seutter: So etwas wie 800 Millionen, wobei man auch sagen muss, dass die Baugeschichte nicht dieser endlose Skandal war, wie er von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.

Sondern?

Lieben-Seutter: Es war eine ungünstige Vertragskonstruktion und im Speziellen der übereilte Baubeginn bei ungenügender Planungstiefe. Dieser Fehler hat endlose Diskussionen und Nachtragsforderungen möglich gemacht – bis zur Neuverhandlung der Verträge vor drei Jahren. Seitdem läuft es auch rund. Seitdem sind wir in der Zeit und im Kostenrahmen.

Teuer war auch die Akustik. Was sagen Ihre Ohren dazu?

Lieben-Seutter: Bisher konnte man nur hören, wie die Orgel gestimmt wurde. Aber man hört ja nicht nur mit den Ohren, man hört mit allen Sinnen, und da ist der Saal schon jetzt überwältigend. Der Raum ist architektonisch unglaublich spannend, man fühlt sich sofort geborgen. Die wirklich spannende Frage aber ist noch nicht geklärt, nämlich, wie wohl sich ein Orchester fühlt. Die ersten Proben sind für September vorgesehen.

Die Architektur ist exzeptionell. Wie kann da das Programm mithalten?

Lieben-Seutter: Es muss auch exzeptionell sein.

Sie holen die ganz großen Orchester, das macht auch beispielsweise Baden-Baden, vieles gibt es in Berlin oder sogar in Hannover. Außergewöhnlich ist das nicht.

Lieben-Seutter: Der Mix macht’s. Sie werden woanders keinen „Moses und Aron“ mit Ingo Metzmacher finden, kein Festival zum Thema „Transatlantik“ und kein „Salam Syria“. Es ist ja völlig klar, dass bei 300 Konzerten nicht 300 Einzelstücke hergestellt werden können, die es so nirgends sonst auf der Welt gibt. Das ist auch nicht der Sinn eines Konzerthauses. Die Hamburger wollen ja, dass die Welt zu ihnen kommt und dass die großen Stars hier auftreten. Und wir spiegeln gleichzeitig die Architektur zurück – dass hier ein Haus des 21. Jahrhunderts steht.

Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, ausgerechnet die Einstürzenden Neubauten eines der Konzerte im Eröffnungsfestival spielen zu lassen?

Lieben-Seutter: In der Elbphilharmonie gibt es ja nicht nur klassische Musik. Es ging schon früh darum, welche deutschsprachige Band hier am Anfang auftreten könnte. Die Einstürzenden Neubauten sind auch ein Klassiker, wenn man so will, ein Klassiker der Avantgarde. Und dass der Name zum Schmunzeln anregt, bringt uns schöne Schlagzeilen ein.

Für welche Musik ist der große Saal der Elbphilharmonie überhaupt geeignet – für die großen spätromantischen Brocken?

Lieben-Seutter: Genau. Auch große, üppig instrumentierte Werke des 20. Jahrhunderts sollten kein Problem sein. Die vergleichbaren Säle des Akustikers Yasuhisa Toyota zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine unglaubliche Durchhörbarkeit haben. Man hört in 3-D. Anstatt dass einen die Klangwelle überrollt wie in anderen Konzertsälen, hört man immer ganz genau: Da ist der Bass, dort hinten die Flöte. Man behält den Überblick, und trotzdem wächst es zusammen zu einem Gesamterlebnis.

Wie ist es mit der akustischen Isolierung der Konzertsäle? Hört man das Tuten der großen Kreuzfahrtschiffe auf der Elbe?

Lieben-Seutter: Bis jetzt habe ich noch keins gehört. Es sollte auch nicht sein. Um das auszuschließen, sind beide Säle, der große und der kleine, auf Stahlfederpaketen gelagert.

Kann ein Konzerthaus wie die Elbphilharmonie überhaupt kostendeckend arbeiten?

Lieben-Seutter: Die Elbphilharmonie wird wie jedes große Kulturprojekt auch aus Steuergeldern finanziert. Sie ist kein kommerzielles Unternehmen. Das Projekt hat höhere Werte zu erfüllen, als dass es sich unbedingt rechnen muss. Und es rechnet sich natürlich durch einen Imagefaktor für die Stadt, denn das Haus signalisiert, dass Hamburg eine tolle Kulturstadt ist. Und dann gibt es da noch die viel zitierte Umwegrentabilität, weil durch den Tourismus, den die Elbphilharmonie generiert, auch eine Menge Geld in die Stadt gespült wird.

Interview: Henning Queren

Intendant bis 2021

Christoph Lieben-Seutter wurde 1964 in Wien geboren. Seit 2007 ist er Generalintendant der Hamburger Elbphilharmonie und der Laeiszhalle. Sein Vertrag wurde soeben bis zur Saison 2020/2021 verlängert. Er ist Präsident der European Concert Hall Organisation.

Für die beiden Eröffnungskonzerte am 11. und 12. Januar 2017 sowie für die Konzerte mit den internationalen Spitzenorchestern wie dem Chicago Symphony gibt es keine Karten mehr.

Eröffnet wird der große Saal vom NDR Elbphilharmonie Orchester unter Leitung seines Chefdirigenten Thomas Hengelbrock. Das Programm ist noch nicht bekannt. Für das Konzert vom sanften Piano-Jazzer Brad Mehldau gibt es am 16. Januar ab 20 Uhr noch Karten (ab 10 Euro).

LN

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