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20:28 17.07.2018
Eutin

Ein Porträt, so sagt das Wörterbuch, ist die künstlerische Darstellung eines Menschen, meist nur Kopf und Brust. Dumm nur, wenn der Kopf von einem Mülleimer, Topf oder Tuch verdeckt ist. Der Hamburger Fotograf, Bildhauer und Videokünstler Thorsten Brinkmann (Jahrgang 1971) inszeniert sich selbst mit zweckentfremdeten Gegenständen („Ausdrucksprothesen“) in Posen, die an berühmte Gemälde erinnern: Herrscher, Reiterstandbilder oder Tizians Venus. Im Schloss korrespondieren sie mit einem Gobelin aus der Versailler Werkstatt um 1750, auf dem „Das Urteil des Paris“ dargestellt ist, und mit einem klassischen Porträt der Königinwitwe von Schweden mit ihrem Urenkel. Einen größeren Kontrast könnte es kaum geben.

Eutin. Blicke durchs Schlüsselloch, altmeisterliche Malerei, Lieblingsstücke, ironische Selbstinszenierung, aufgezeichnete Alltagshandlungen – auf welch unterschiedliche Weise Menschen porträtiert werden können, zeigt ab morgen eine spannende Ausstellung im Schloss Eutin.

Es ist der Kuratorin Susanne Petersen zu verdanken, dass das barocke Schloss immer wieder zeitgenössische Künstler einlädt, und es ist dem Freundeskreis zu danken, der diese Abstecher ins Hier und Heute finanziell unterstützt. Und so ist es spannend zu sehen, wie weit das Feld der Porträtkunst inzwischen geworden ist. „In Zeiten von Photoshop und Fake News hat das Bildnis vielfach eine Glaubwürdigkeit verloren“, sagt Susanne Petersen. Deshalb rücken die in Eutin vertretenen jungen Künstler schlaglichtartig einzelne Facetten der Persönlichkeit ins Bild: So hat Minjee Kim aus Kiel (geboren 1984 in Seoul) in ihr Zimmer Besucher eingeladen, die ein Persönlichkeitsprofil von ihr erstellen sollen. Das sagt dann einiges aus über Minjee Kim wie auch über die Besucher selber. Zu sehen ist das in einem Acht-Minuten-Film. Übrigens: Dass Menschen sich über persönliche Gegenstände definieren, ist nicht neu, sondern etwa zu sehen auf alten niederländischen Gemälden. Einen ähnlichen Ansatz hat Janine Dasbeck (Jahrgang 1990). Sie befragt demente Menschen, welche Dinge und Materialien ihnen wertvoll waren, und gestaltet daraus Puppen.

Im runden Turmzimmer hängen Porträts der ganz speziellen Art. Birte Lühmann aus Buxtehude (Jahrgang 1990) hat mehr als 100000 Einzelbilder von 125 privaten Überwachungskameras gesichtet, sie waren durch eine Sicherheitslücke einsehbar. Aus verschiedenen Filmen wählte sie jeweils drei Standbilder aus und malte sie als Aquarelle. Das sieht hübsch und harmlos aus, doch wenn man sie betrachtet, fühlt man sich plötzlich als Voyeur, denn es sind zum Teil skurrile, zum Teil intime Szenen. Man denkt sich eine Geschichte dazu, kann aber komplett danebenliegen. „Das vermeintlich unmittelbare Echte und Private erlaubt keine eindeutigen Beurteilungen“, sagt Susanne Petersen. Die „Random Strangers“ hinterlassen dennoch ein mulmiges Gefühl. Was sagt es über einen selbst aus, wenn man durch öffentliche Kameras an Straßen und Plätzen gefilmt wird?

Die wohl reduziertesten Selbstporträts liefert der Kieler Kommunikationsdesigner Stephan Schakulat, 1988 in Cottbus geboren. Wenn andere ihre täglichen Schritte messen, misst er, wie viel und wie laut er am Tag redet, wie oft sich sein Schreibtischstuhl dreht oder wie oft er Türen öffnet. Die Werte überträgt er in Diagramme. Eine Art Tagebuch, das letztendlich nichts über die Persönlichkeit des Künstlers aussagt, eher über die Trends der Selbstoptimierung und -beobachtung.

Am dichtesten dran am klassischen Porträt ist der Kieler Fotograf Felix Gyamfi (Jahrgang 1986) mit seinen Bildern von drei jungen schwarzen Männern. Die Fotos wirken zum Teil komponiert, sehr ästhetisch und ruhig. Wenn man sie sieht, denkt man sofort an Flüchtlinge. Falsch, die jungen Männer hat Gyamfi in Ghana fotografiert. Ein schönes Beispiel dafür, wie Medienbilder unsere Wahrnehmung beeinflussen.

Mit Erwartungen, Kontrasten, Überraschungen spielt diese Ausstellung, und bei allem Wandel in der Porträtkunst wird deutlich: Ob vor Jahrhunderten beim Hofmaler oder heute bei Facebook und Instagram – die Menschen setzen sich in Pose, wollen ein gutes Bild abgeben.

Zu sehen bis zum 16. September

Die Ausstellung „Aufgedeckt: Wandel im Porträt“ wird morgen um 19 Uhr im Schloss Eutin eröffnet.

Eine Einführung geben Brigitta Herrmann von der Stiftung Schloss Eutin, Kuratorin Susanne Petersen und Maren Welsch vom Schleswig-Holsteinischen Kunstverein. Jiri Halada begleitet die Eröffnung musikalisch auf dem Saxofon.

Geöffnet ist die Ausstellung bis zum 16. September täglich von 10 bis 18 Uhr.

Tickets: 8/4 Euro.

Kuratorenführungen gibt es am Donnerstag, 26. Juli, und Donnerstag, 30. August, jeweils um 17 Uhr.

Weitere Infos: Telefon 04521/70950 oder www.schloss-eutin.de

Petra Haase

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