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Integration als Dressurakt

Hamburg Integration als Dressurakt

„Pygmalion“ von George Bernard Shaw am Thalia-Theater: Viel Bewegung und Geschlechtsumwandlungen.

Hamburg. Wer an diesem Premierenabend im Hamburger Thalia- Theater George Bernard Shaws ironisch entlarvendes Wortgefunkel erwartet hat, wird enttäuscht sein. Diejenigen hingegen, die sich mit der Übersetzung der Verbalsprache in Körpersprache anfreunden können, fanden an der „Pygmalion“-Inszenierung des estnischen Regie-Duos Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo Gefallen.

Die Spezialisten für Bewegungstheater, die stets auch für die Ausstattung ihrer Produktionen sorgen, verabschieden sich kompromisslos von Shaws 1913 uraufgeführtem Stück, in dem der Sprachwissenschaftler Henry Higgins wettet, dass er der Blumenverkäuferin Eliza den Akzent der feinen Londoner Gesellschaft beibringen und sie so in den Adel einführen könne. Der Text ist nur Inspirationsquelle für rasant choreographierte, tänzerisch animierte Körperkunst.

Der passende Spielplatz dafür ist eine raumfüllende, oben offene Röhre, eine Halfpipe, die sich schnell als eine Art Hamsterrad entpuppt, in dem eine scheinbar noble, um sich selbst kreisende Gesellschaft seltsame Dinge treibt. Vier Frauen und drei Männer rennen die einem stark gewölbten Parkettboden gleichenden Wände hinauf, taumeln zurück, nehmen erneut Anlauf. Sie verbeugen sich voreinander, berühren sich flüchtig, werfen sich Küsschen zu. Groteske, sich zwanghaft wiederholende Höflichkeitsrituale, die das Hohle dieser Menschen entblößen, ihre Erstarrung in Regeln und Konventionen sichtbar machen. Getanzte Gesellschaftskritik.

In diese von der Außenwelt wie abgeschnitten wirkende Gemeinschaft hinein platzt Eliza, die hier nicht das reizende Blumenmädchen aus Musical „My Fair Lady“ ist, das auf Shaws Stück basiert, sondern ein junger, kräftig gebauter Mann (Kristof Van Boven).

Warum das so ist, und warum auch Professor Higgins (Oda Thormeyer) und sein Kollege Pickering (Marina Galic) das Geschlecht wechseln und als Frauen auftreten müssen, bleibt eher im Dunkeln. Dagegen darf man fest davon ausgehen, dass die Regisseure das Eindringen Elizas in eine sich hermetisch abschließende Gruppe mit den Flüchtlingsströmen hinein in die Festung Europa vergleichen. In der Logik dieser Prämisse ist die Erziehung der „unzivilisierten“ Eliza durch Higgins und Pickering nichts anderes als das, was man Integration nennt.

Sie vollzieht sich auf der Thalia- Bühne als scheinbar lustiger, tatsächlich aber schrecklicher Dressurakt. Eliza muss nackt in eine Wanne steigen, um den letzten Rest ihrer Identität abzuwaschen, sie muss ein Kleidchen anziehen, das dem ihrer Zuchtmeisterin gleicht. Irgendwann rebelliert sie gegen die Zumutungen einer seelenlosen Gesellschaft, die sich zwar mit Stapeln von Büchern umgibt, aber nicht wirklich darin liest. Zum Schluss singt Eliza „The End“ von den Doors im Beisein einer einsam im schummrigen Licht sitzenden Frau Higgins. Ein eher kitschiges Finale einer Aufführung, in der viel gelaufen wird und vieles sich totläuft — weil die Lust an purer Bewegung die Lust an gedanklicher Schärfe oft überwuchert.

Nächste Vorstellungen: 26. und 31. März, 9. und 10. April. Karten: Telefon 040/32814444

Von Hermann Hofer

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