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Kultur im Norden „Lübeck ist eine der spießigsten Städte, die ich kenne“
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15:00 27.11.2018
Erlangte mit dem Bestseller „Fleisch ist mein Gemüse“ den ersehnten Durchbruch: Autor Heinz Strunk (56). Quelle: Dennis Dirksen
Lübeck

Mit dem Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ ist Heinz Strunk populär geworden. Nun stellt er in Lübeck seine bitterbösen Geschichten aus „Das Teemännchen“ vor.

Herr Strunk. Man könnte meinen, Menschen, die dem Humor nicht so abgeneigt sind, sind dauerlustig. Ist aber nicht so, oder?

Nee, keineswegs.

Ist Humor Ihre Absicht?

Na ja, was heißt Absicht?! Es hat sich so ergeben, und es gibt einen schönen Satz: Humor ist die Antwort auf Melancholie, um diese zu überwinden. Das ist genau die gegensätzliche Herangehensweise als bei rheinischen Frohnaturen, die auf dem Karneval lustig Witze machen. Oder Comedy. Humor ist eine Art Lebensbewältigung, um eine Distanz zur eigenen Ernsthaftigkeit zu schaffen.

Was finden Sie persönlich lustig? Worüber können Sie laut lachen?

Laut lachen schon mal gar nicht. Und da gibt es eher wenig, was ich nennen könnte. Helge Schneider zum Beispiel oder Louis de Funes finde ich lustig. Alles aber, was in Deutschland unter dem Ur-Begriff Comedy firmiert, finde ich nicht lustig, sondern richtig scheiße. Das hat für mich mit Humor nichts zu tun.

Was genau meinen Sie?

Ich meine so ziemlich alles, was da an Comedy-Formaten auf RTL, SAT1 oder ProSieben läuft. Das finde ich richtig schlimm.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, sie sammeln Sätze. Wie darf man das verstehen?

Es gibt ja immer wieder Momente, in denen irgendwo etwas Interessantes, Unsinniges oder unfreiwillig Komisches gesagt wird. Das schreibe ich auf.

Haben Sie ein Beispiel?

Davon gibt es inzwischen viele. Swingtime is good time. Good Time is better Time zum Beispiel. Oder „Bild“-Schlagzeilen, die sind auch immer wieder herrliches Futter.

Wer dürfte nie aus Ihren Büchern lesen?

Das kann ich gar nicht so sagen, weil ich denke, dass ich der breiten Masse ja auch nicht so bekannt bin, weil ich den Mainstream nicht bediene, beziehungsweise nur meine Leserschaft sich hauptsächlich für mich und meine Bücher interessiert. Von daher hätte ich kein Problem mit irgendwem, der daraus liest.

Wie sieht ein typischer Strunk-Tag aus, wenn Sie mal nicht arbeiten?

Ich arbeite eigentlich ziemlich viel, in diesem Jahr war es richtig viel, weil ich zum Beispiel auch eine eigene Hörspiel-Serie bei Spotify gemacht habe („Heinz Strunks Familienaufstellung“ – die fiktiven Abenteuer der fiktiven Familie Voss). Und wenn ich nicht arbeite, dann wird mir auch schnell langweilig. Ich hab kein bestimmtes Hobby oder so.

Wieso gibt es heutzutage eigentlich keine guten Telefonstreiche mehr? Sie haben es damals mit Studio Braun so großartig vorgemacht.

Weil sich damit wahrscheinlich kein Geld verdienen lässt - ich meine, bei dem ganzen Kram, der täglich im Netz kursiert, ist es sicher noch weniger leicht, mit einem humoristischen Format besonders hervorzustechen.

Sind Sie ein Internet-Typ?

Wie meinen Sie das?

Surfen Sie lange im Netz oder in Sozialen Netzwerken?

Ja, sicher kommt es vor, dass ich mir Nachrichten online durchlese und irgendwo hängen bleibe oder meinen Facebook-Account mehr schlecht als recht pflege, aber sowas wie Instagram habe ich nicht und würde ich auch nie machen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich meine Welt den ganzen Tag fotografiere oder daraus auch noch Storys bastle, dann finde ich das einfach nur peinlich.

Sie lesen am Sonnabend in den Kammerspielen aus Ihrem Buch „Das Teemännchen“, was dürfen die Besucher erwarten?

Ich achte darauf, dass es ein kein einfaches Vorlesen von Textpassagen wird, sondern werde das auch mit einem guten Programm an Gags und Unterhaltung auflockern.

Kennen Sie Lübeck?

Ja, ganz gut sogar. Ich hatte hier mal von 1997 bis 2001 eine Freundin und war daher ziemlich oft hier.

Und?

Schöne Stadt, aber in ihrer Spießigkeit und Bürgerlichkeit nicht zu übertreffen.

Wie jetzt?

Das ist schwer zu beschreiben. Aber ich finde es nicht verwunderlich, dass der bürgerlichste aller bürgerlichen Schriftsteller, Thomas Mann und dessen Buddenbrooks, aus Lübeck kommen.

Schade eigentlich.

Ich mache immer wieder gern mal Urlaub an der Ostsee in Niendorf und bin von da aus auch ab und zu nach Lübeck gefahren, weil ich gerne ins Casino gehe und dieses von Travemünde ja nach Lübeck umgezogen ist. Aber auch da hat sich an meinem Gefühl nichts geändert.

Sie gehen gerne ins Casino?

Ja, ich liebe Spielautomaten. Pokern und Roulette interessieren mich nicht so, aber Automaten faszinieren mich.

Bissig böser Bestsellerautor

Heinz Strunkwurde 1962 in Hamburg-Harburg geboren und heißt mit bürgerlichem Namen Matthias Halfpappe. Er wuchs als Einzelkind bei seiner Mutter auf, die er in ihren letzten Lebensjahren bei sich pflegte, weil sie an einer Psychose litt. Strunk sprach diverse Mal sehr offen über eine sehr schwierige Kindheit, die er hatte.

In seiner Jugend absolvierte er eine klassische musikalische Ausbildung und lernte Saxophon und Querflöte. Später spielte er in der Tanzkapelle „Tiffanys“ und tourte damit durch den norddeutschen Raum. Da er dem Alkohol und Glücksspiel laut eigener Aussage nicht abgeneigt war, drohte er in einem „Sumpf aus Saufen und Depression“ zu versinken.

1993 brachte der heute 56-Jährige in Eigenregie das Gag-Album „Spaß mit Heinz“ heraus, das durch Zufall an Bela B., den Schlagzeuger der Band Die Ärzte, gelangte. Durch ihn wurde das Album an den Unterhaltungskünstler Rocko Schamoni weitergeleitet, mit dem Halfpape später, gemeinsam mit Jacques Palminger, das Studio Braun gründete – und kultartige Telefonstreiche im ganzen Land machte.

Der Durchbruch aber gelang Strunk im Jahr 2004, als er sein Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ veröffentlichte, ein autobiografischer Roman, in dem er über seine Erlebnisse mit Tiffany’s reflektiert und das Schicksal eines ambitionierten Musikers in einer drittklassigen Tanzkapelle mit schildert. Das Buch diente später als Vorlage für ein Theaterstück wie auch für einen Kinofilm.

Auch weitere Bücher wie „Der Goldene Handschuh“, „Junge rettet Freund aus Teich“ oder „Das Teemännchen“ wurden sehr erfolgreich „Der goldene Handschuh“ stand monatelang auf der Bestsellerliste und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Im Herbst 2016 wurde der Autor mit dem Wilhelm-Raabe-Preis geehrt.

Seit 2012 veröffentlicht Heinz Strunk Kolumnen im Satiremagazin Titanic, zudem tritt er regelmäßig seit 2013 im TV-Satiremagazin „extra 3“ auf.

Der Kinofilm zu „Der goldene Handschuh“ unter der Regie von Fatih Akin wurde im August dieses Jahres abgedreht.

Am Sonnabend, 1. Dezember, Lesung in den Kammerspielen am Theater Lübeck, 20 Uhr, 24/20 €, Tickets unter www.tickets.ln-online.de

Mehr zur Person: www.heinzstrunk.de

Sind Sie als Mitglied der Tanzband „Tiffanys“ einst viel in Norddeutschland aufgetreten?

Ne, ganz sicher nicht. Das war hauptsächlich in Winsen an der Luhe mit einem kleinen Radius von ungefähr 40 Kilometern, in dem wir aufgetreten sind.

Gibt es etwas, was Sie aus der Zeit vermissen?

Nichts!

Oha!

Daran gibt es nichts zu vermissen. Es war einfach nur schrecklich.

Hätte ja sein können, dass Sie sich gern an diese Zeiten erinnern, weil Sie Norddeutschland so lieben gelernt haben...

Ne, auf keinen Fall. Ich würde aber schon sagen, dass ich gerne in Hamburg verortet bin. Nicht, weil es die tollste Stadt der Welt ist, sondern weil ich hier aufgewachsen bin und mich damit verbunden fühle.

Können Sie sich in Hamburg, wo Sie wohnen, ungestört bewegen?

Es kommt schon mal vor, dass ich angesprochen werde, aber eigentlich hält sich das in Grenzen. Ich gehe privat auch sehr gerne in den Goldenen Handschuh am Kiez, das ist alles gut so.

Wenn Sie mal Fernsehen schauen, was gibt es da bei Ihnen?

Tierdokumentationen.

Und was machen Sie, wenn Sie nachts nicht schlafen können?

Dann lese ich ein Buch, aktuell „Amerika“ von Sibylle Berg.

Womit kann man Ihnen eine Freude machen?

Indem man sich höflich benimmt und dem Gegenüber eine Chance gibt, das Liebenswürdige an einem kennenzulernen.

Haben Sie Angst vor Vergänglichkeit?

Nö, das lässt mit der Zeit nach. Mit 23 konnte man sich kaum vorstellen, eines Tages mal 30 zu werden, aber heute ist das nicht mehr so. Ich meine, ich bin heute 56 und habe bald eine 6 vorne stehen.

Fühlt sich das komisch an?

Ein wenig ja, weil ich fühle mich noch gar nicht wie 60. Aber so ist halt das Leben.

Weihnachten steht vor der Tür. Mögen Sie die Festtage rund um Besinnlichkeit und Nächstenliebe?

Sagen wir es mal so, dieses Weihnachtsgefühl scheint ja eine Sehnsucht, die in jedem von uns irgendwie verankert ist, ich hab’s auch immer wieder ohne probiert, weil ich habe ja keine Familie, aber so ganz ohne geht’s auch nicht. Also beuge ich mich dem Fest inzwischen.

Heinz Strunk liest am Sonnabend, 1. Dezember um 20 Uhr im Theater Lübeck (Kammerspiele). Mehr dazu: www.theaterluebeck.de

Schabnam Tafazoli

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