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Irdische und himmlische Zeichenkunst

Hamburg Irdische und himmlische Zeichenkunst

„Spurenlese“ – Die Hamburger Kunsthalle zeigt Blätter aus der Sammlung eines Kunsthistorikers aus München.

Hamburg. Der Sammler sollte eigentlich anonym bleiben. Die Hamburger Kunsthalle wollte nur so viel preisgeben: Er lebt in Süddeutschland, hat Hamburger Wurzeln und ein großes Konvolut an Zeichnungen und Aquarellen aus der Zeit vom 17. bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert zusammengetragen – eine Sammlung, die bisher noch nie ausgestellt wurde. Bei der Vorbesichtigung der Ausstellung „Spurensuche“ musste man allerdings kein Fährtenleser sein, um den Kunstfreund zu identifizieren: Hinrich Sieveking, ein Spross aus der verzweigten Hamburger Bürgermeister- und Kaufmannsfamilie, die sich mit Sievekingsallee und Sievekingsdamm auch im Straßenbild bemerkbar macht.

Er wurde in den 1940ern in Hamburg geboren, hat etwas Jura und dann Kunstgeschichte studiert, arbeitet als freischaffender Kunsthistoriker, hat einige Bücher verfasst über Zeichnungen, Aquarell- und Buchmalerei. Zeichnungen und Aquarelle von der Hochrenaissance bis zur Spätromantik dominieren auch seine Sammlung. Kaum mehr bekannte Künstler oder regionale Größen finden sich darin.

Einige prominente Namen sind allerdings auch dabei, etwa der Biedermeier-Maler Adrian Ludwig Richter (1803-1884) mit einer lieblichen „Tiberlandschaft“ mit Ruine, Ziegenherde und einem schmucken Elternpaar, das ein herziges Kindchen hochhebt. Oder der Frühromantiker Philipp Otto Runge (1777-1810) mit einer Feder- und Pinselzeichnung „Der Triumph des Amor“, eine Fingerübung, die den Liebesgott mit Leier darstellt, umgeben ist er von properen Knaben mit Schmetterlingsflügeln. Der Ort der Liebe ist für Runge über den Wolken in himmlischen Sphären.

Irdischer geht es auf einem aquarellierten Blatt von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein zu. Seine Illustration zur Parabel „Reineke Fuchs“ zeigt den Titelhelden, den Kopf in der Schlinge, hinterlistig sinnierend, wie er wohl seinen Häschern Bär, Katze und Wolf entrinnen könnte. Tischbein stattet seine Tiere mit fast menschlicher Physiognomie aus. Man erfährt im Katalog (der erst in einigen Tagen erscheint), dass Tischbein hier nicht die zwölf Gesänge seines Freundes Johann Wolfgang von Goethe illustriert hat, sondern einen eigenen literarischen Versuch mit dem Untertitel „Die Gänsegeschichte“.

Tischbein hatte Goethe kennengelernt, als der Dichter 1786 inkognito nach Neapel reiste. Damals entstand das berühmte Gemälde Tischbeins, das Goethe in der römischen Campagna zeigt und zum Inbegriff der Sehnsucht nach Arkadien wurde. Die Italien-Begeisterung eint auch weitere Künstler der Goethe-Zeit, deren Blätter in der Ausstellung zu sehen sind. Ludwig Richter reiste einst nach Rom, dort traf er nicht nur auf Kollegen wie (den später in Eutin tätigen) Tischbein oder den Hamburger Erwin Speckter, sondern auch noch auf die Nazarener, angeführt vom Lübecker Friedrich Overbeck, der in Italien die Erneuerung der deutschen Kunst in der Religion suchte. Auch Johann Christian Reinhart (1761- 1847) war ein Emigrant in Rom. Er galt als Mittelpunkt der deutschen Künstlerkolonie. Von ihm ist ein Selbstporträt zu sehen, das auf den ersten Blick Friedrich Schiller darstellen könne. Kein Wunder: Reinhart und Schiller waren Freunde wie Goethe und Tischbein.

Um das Jahr 1800 habe die Zeichenkunst und das Aquarell an Bedeutung stark zugelegt, wissen die Kuratoren Peter Prange und Andreas Stolzenberg. Für das nicht ganz so begüterte Bürgertum waren sie Ersatz für Ölgemälde, die der Adel und die Reichen in den Wohnzimmern ausstellten. Es gab deshalb im 19. Jahrhundert eine Blätterflut in allen möglichen Qualitäts- und Ausführungs-Varianten.

Er habe früh angefangen zu sammeln, als die Preise noch akzeptabel gewesen seien, verrät Hinrich Sieveking. Bei Auktionen und Antiquaren sei er fündig geworden. Offenbar reichlich. Die mit starken Wandfarben und mit neuem Zuschnitt auftrumpfenden Räume des Hubertus-Wald-Forums im Erdgeschoss der Kunsthalle lassen kaum Ruhe zur Kontemplation. Das drei Jahrhunderte umfassenden Kunstangebot ist überwältigend.

Michael Berger

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