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Irgendwann und irgendwie

Stockholm Irgendwann und irgendwie

Bob Dylans Nobelpreis-Rede ist jetzt im Internet nachzulesen und zu hören.

Stockholm. Man hat es fast nicht mehr für möglich gehalten: Bob Dylan hat geliefert. Nämlich seine Nobelpreisrede. Sie ist Pflicht für die bedeutendste Literaturauszeichnung der Welt, wer sie nicht hält oder nicht zumindest einreicht, hat die acht Millionen Kronen Preisgeld (etwa 820000 Euro) verwirkt.

Dylans Beitrag erreichte die Schwedische Akademie kurz vor Aluaf der Frist auch als Audiodatei. Man hört die bekannte knorrige Dylan-Stimme, das Vorlesen unterscheidet sich kaum vom Gesang des 76 Jahre alten Musikers. „Als ich den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam, musste ich erst einmal überlegen, was meine Lieder mit Literatur zu tun haben könnten.“ So fängt er an, um das Publikum dann an seinen Überlegungen teilhaben zu lassen. Allerdings muss, wer sich das anhört, Klaviergeklimper aus dem Hintergrund über sich ergehen lassen.

Sein erster Gedanke gilt dem Rock’n’Roll-Musiker Buddy Holly, der für Dylans Hinwendung zur Musik die Initialzündung war. Er berichtet von einer Begegnung im Konzert: „Er schaute mir direkt in die Augen, und er übertrug etwas auf mich. Was es war, weiß ich nicht.“

Dylan kommt dann schnell auf Literatur zu sprechen, auf Bücher, die seine Texte irgendwann irgendwie beeinflusst haben: Herman Melvilles „Moby Dick“ („faszinierendes Buch“), Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ („Horror-Story“) und Homers „Odyssee“ („großartiges Buch“). Er erzählt den Inhalt der Werke nach, um dann endlich zu fragen: „Was bedeutet das alles?“ All denjenigen, die vor Dylans Liedtexten kapitulieren, sei gesagt: Ist egal. Es kommt nur darauf an, dass die Wörter gut klingen. In Dylans Worten: „If a song moves you, that’s all that’s important. I don’t have to know what a song means.“ Ein Lied müsse rühren, man müsse den Text nicht begreifen. Und: „Ich habe alle möglichen Sachen in meine Lieder hineingeschrieben, und ich mache mir überhaupt keine Gedanken über die Bedeutung.“ So viel zur gesellschaftspolitischen Relevanz von Dylans Lyrik.

Zum Schluss zitiert er noch einmal Homer (der mit Nachnamen nicht Simpson heißt): „Singe in mir, Muse, und sprich durch mich!“ Nur, was sagt uns Sterblichen der Gesang? Dylan lässt sein weltweites Publikum damit weiter alleine.

Im Internet: www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2016/dylan-lecture_en.html

Michael Berger

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