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Kultur im Norden „Irr-Real“: Ausstellung im Behnhaus-Drägerhaus
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17:36 15.03.2019
Porträt einer jungen Frau: Zeichnerisch war Carl Julius Milde auf der Höhe seiner Zeit. Der Auftrag für die Bilder kam vermutlich von den damaligen Ärzten. Quelle: 54° / John Garve
Lübeck

Carl Julius Milde (1803-1875) „ist in Lübeck kein Unbekannter“, heißt es im Katalog zur Ausstellung „Irr-Real“ im Museum Behnhaus Drägerhaus. Der Künstler und Konservator Milde hat sich um den Erhalt mittelalterlicher Denkmäler in Lübeck verdient gemacht, auch die Rettung des Holstentores war nicht zuletzt seinem Wirken zu verdanken.

Als Maler blieb Carl Julius Milde die große Karriere versagt – als Zeichner jedoch gehörte er zu den Besten seiner Zeit. Die Ausstellung im Behnhaus, die fast ausschließlich Blätter aus dem eigenen Bestand zeigt, widmet sich einem Nebenaspekt im Werk Mildes. Zu sehen sind Porträtzeichnungen geisteskranker Patienten des Hamburger Krankenhauses St. Georg, die Milde um das Jahr 1830 fertigte. Entstanden ist die Ausstellung in Zusammenarbeit des Behnhauses mit dem Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung – eine Novität im Lübecker Museumswesen. So aber ist es möglich, dieses Teil der Behnhaus-Sammlung nicht nur auszustellen, sondern auch wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Vernissage am Sonntag

Die Ausstellung wird am Sonntag, 17. März, um 11.30 Uhr eröffnet. Sie ist bis zum 30. Juni zu sehen. Am Donnerstag, 21. März, gibt es von 17-18 Uhr eine Abendführung, am 24. März von 11.30-12.30 Uhr eine Sonntagsführung.

Zur Ausstellung erscheint ein Begleitband, in dem Mildes Zeichnungen erstmals publiziert und kommentiert werden. Der Katalog kostet 19,90 Euro.

Warum und in wessen Auftrag Milde mehr als 50 Patienten des Hamburger Spitals zeichnete, ist nicht bekannt. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch groß, dass Ärzte den Auftrag für die Zeichnungen erteilten. Künstlerisch steht Milde auf der Höhe seiner Zeit, seine Zeichnungen gehören zur romantischen Tradition, die versuchte, die Wahrheit abzubilden und sich in diesem Zusammenhang auf die Aufklärung berief.

Mildes Patientenporträts sind realistisch, in den Gesichtern spiegeln sich die Leiden der Menschen wider. Melancholie, Demenz, Tobsucht: Diese alten Begriffe wurden in den Jahren, als Milde die Hamburger Patienten zeichnete, mit neuem Leben erfüllt. Die Psychiatrie als Feld der Medizin begann sich zu entwickeln, aus den „Narrenhäusern“, die eigentlich nur Verwahranstalten für psychisch Erkrankte waren, wurden langsam therapeutische Einrichtungen.

Erst die Krankheit, dann die Heilung

Mildes Zeichnungen, die von hervorragender Qualität sind, können als Teil dieser Entwicklung interpretiert werden. Es kam den Ärzten darauf an, die psychisch Erkrankten wieder in ihr soziales Umfeld einzugliedern. Mildes Doppel-Bildnisse, die Patienten während der Erkrankung und nach der Heilung zeigen, verdeutlichen diesen Ansatz. Eine junge Dienstmagd wirkt in dem frühen Porträt fast schwachsinnig, nach ihrer geistigen Wiederherstellung hingegen freundlich, aufgeweckt und hoffnungsvoll. Inwiefern Milde hier den behandelnden Ärzten eine Art wissenschaftsheroisches Denkmal zu setzen hatte, sei dahingestellt.

Die Ausstellung , zu der ein vorzüglicher Katalog erschienen ist, ordnet Mildes Patientenporträts aber auch in einen europäischen Zusammenhang ein. In Sachen Psychiatrie waren England und Frankreich Deutschland weit voraus, Serien von Patientenporträts gab es in jenen Ländern schon lange vor Milde. Verstecken muss sich der Lübecker mit seinen Werken allerdings nicht, im Gegenteil. Mildes Zeichnungen gehören zum Besten, was in diesem Bereich der romantischen Porträtkunst geschaffen worden ist.

Jürgen Feldhoff

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