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Ja so warn’s, die alten Rittersleut

Ja so warn’s, die alten Rittersleut

„Don Quijote“ erlebt in Schwerin eine spaßige wie anrührende Auferstehung.

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Schlürfen „Zaubertrank“: Vincent Heppner, Robert Höller, Jennifer Sabel, Christina Berger und Jochen Fahr (v. l.) bieten bestes Sommertheater.

Quelle: Fotos: Petra Haase, Silke Winkler

Schwerin. Willkommen im Restaurante „Flor de La Mancha“. Biertische stehen im Innenhof des Schweriner Theaters E-Werk, an einer Imbissbude decken sich die Besucher mit Getränken, Bockwurst, Nudelsalat und Käsewürfeln ein und sind damit schon Teil der Szenerie beim Sommertheater „Don Quijote“, das am Freitag Premiere feierte.

Aufführungen

„Don Quijote“ nach Cervantes von Michail Bulgakow wird im Innenhof des E-Werks Schwerin, Spieltordamm 1, gespielt.

Weitere Termine: 23., 24., 29., 30 Juni und 1., 2. 6., 7., 8. und 9. Juli, jeweils um 20 Uhr

Karten für die Vorstellungen gibt

es an der Theaterkasse,

Telefon 0385/5300123 oder

kasse@mecklenburgisches-staatstheater.de.

Aus einem Fenster im zweiten Stock erhebt der Ritter das Wort ans Volk: Er sei in die Welt gesandt worden, um das goldene Zeitalter wieder auferstehen zu lassen. „Ihr aber haltet euch aus allem heraus, das Schwierige haltet ihr für unmöglich. Doch wisset: Nichts ist unmöglich.“ Er seilt sich geschickt ab (erster Applaus), und die Abenteuer des Ritters von der traurigen Gestalt können beginnen.

Vor 400 Jahren hat Miguel de Cervantes die Parodie auf einen Ritterroman geschrieben, der nachfolgende Generationen immer wieder inspiriert hat und zu den Klassikern der Weltliteratur gehört. Kleine Gedächtnisstütze: Don Quijote, ein Junker in einem Dorf der spanischen Region Mancha, wird durch die fortgesetzte Lektüre von Ritterromanen irre und zieht in selbstgebastelter Rüstung auf dem alten Klepper Rosinante in die Welt, um gegen das Böse zu kämpfen. In seinem Wahn macht er ein Bauernmädel zu Dulcinea von Toboso, seiner Herzensdame. In Windmühlen sieht er Riesen und kämpft gegen sie. In den Spelunken, in die er einkehrt, wird er verlacht, bis er in Sancho Pansa einen treuen Knappen findet.

Don Quijotes Rosinante ist in Schwerin eine blaue Schwalbe (DDR-Moped), und Sancho Pansa „reitet“ auf einem klapprigen Drahtesel. Getreu der Vorlage zieht der euphorische Ritter zunächst gegen Windmühlen (-räder) zu Felde und kassiert erste Blessuren. Die Spelunke, in der er dann einkehrt, ist die Imbissbude, und ihre Betreiberin, wahlweise eine Zuschauerin, werden zu Dulcinea von Toboso.

Die „schlichte Nichte“ sucht ihren verrückten Onkel zu retten, der sich in immer neue Gefahren verrennt und ordentlich auf die Kappe kriegt, die eine verbeulte Schüssel ist.

Das alles wird als großer Spaß inszeniert (Regie: Katja Wolff). Die Gag-Dichte ist hoch und voller Anspielungen („La Mancha first“), es wird gereimt („Ist auch der Ritter voller Beulen, nie sah man einen Ritter heulen“) und gesungen („Wollte der alte Ritter schnackseln, musste er aus der Rüstung kraxeln. Ja so warn’s, ja so warn’s, ja so warn’s die alten Rittersleut . . .“).

Die Schauspieler agieren mit vollem Körpereinsatz, springen auch schon mal auf die Biertische und legen rasante Kampfszenen hin. Jochen Fahr gibt dem Helden Don Quijote den nötigen Schuss Verrücktheit und wird am Ende, lädiert und blamiert, wirklich zu einer traurigen Gestalt – ohne jedoch seine Würde zu verlieren.

Robert Höller ist als Sancho Pansa ein perfekter Partner, der mit Bauernschläue zwar auf sein eigenes Wohl bedacht ist, aber seinem Herrn schließlich treu ergeben ist. Jennifer Sabel legt als plietsche wie verführerische Imbissbudenbetreiberin eine tolle Show hin, und Christina Berger als „schlichte Nichte“, Vincent Heppner als Musiker und Christoph Götz als Imbissbudengast geben ihrem Affen Zucker. Ein schöner Einfall ist der Aufmarsch der Statisterie in Ordnungsamt-Uniformen – Don Quijote und Sancho Pansa werden von ihnen abgeführt und vermöbelt.

Trotz aller Gags und Kurzweil bleibt am Ende Nachdenklichkeit, wenn der Idealist von den Realisten demontiert und der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Wer ist eigentlich der Verrückte, fragt man sich, in einer Welt von Fake-News und Despoten? Da gibt es bei einem Satz wie „Nie hatte die Menschheit Ritter nötiger als jetzt“ schon mal spontanen Applaus. Und am Ende großen Jubel und viele Bravos für einen sehr amüsanten Abend.

Und das goldene Zeitalter? Wie tröstlich, dass irgendjemand wohl immer wieder danach suchen wird.

Petra Haase

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