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„Japaner leben mit Katastrophen“

Lübeck „Japaner leben mit Katastrophen“

„Grüße aus Fukushima“ist Ihr vierter Film mit Japan-Bezug. Was fasziniert Sie so an diesem Land? Doris Dörrie: Wenn ich darauf so eine einfache Antwort hätte!

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West trifft Ost: Marie (Rosalie Thomass, l.) hat sich nach Japan abgesetzt, wo sie auf Satomi (Kaori Momoi) trifft, die letzte Geisha von Fukushima.

Quelle: Hanno Lentz, Majestic

Lübeck. „Grüße aus Fukushima“ist Ihr vierter Film mit Japan-Bezug. Was fasziniert Sie so an diesem Land?

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„Grüße aus Fukushima“ist Ihr vierter Film mit Japan-Bezug. Was fasziniert Sie so an diesem Land? Doris Dörrie: Wenn ich darauf so eine einfache Antwort hätte!

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Doris Dörrie: Wenn ich darauf so eine einfache Antwort hätte! Japan ist so wahnsinnig detailverliebt und so genau, so poetisch. Und dann gibt es wieder diese irrsinnige Trash-Kultur, Beton und Naturverwüstung. Andererseits hat man diesen kleinen Garten im Teller und betet die Natur an. Und alles immer gleichzeitig. Diese komplette Ambivalenz der Dinge finde ich sehr faszinierend.

Ist die Figur der Marie ein Alter Ego der jungen Doris Dörrie?

Dörrie: Es ist eine offensichtliche Überschneidung, dass es auch immer meine Rolle in Japan war und ist, dass ich als große Frau aus dem Westen als Elefant wahrgenommen werde. Auch nach 25 Japan- Besuchen kann ich noch immer nicht alles richtig machen. Das ist die traditionelle Rolle des Westlers, der Langnase. Auf Japanisch heißt es immer „Die draußen sind“ und „Die drinnen sind“. Der Fremde wird nie nach innen kommen. Es wird von japanischer Seite auch sehr darauf geachtet, dass man draußen bleibt. Japaner haben durchaus die Vorstellung, sehr anders und sehr besonders zu sein.

Wie sieht die Rolle der Frau aus?

Dörrie: Wenn ich in Japan in Begleitung von Männern, die mit dem Dreh zu tun haben, einen Raum betrete, werde ich nicht begrüßt. Man nimmt an, dass ich die Assistentin bin. Wenn dann herauskommt, dass ich die Chefin bin, ist das allen so peinlich, dass gar nichts mehr geht. Dann verlassen alle den Raum. Japan ist noch eine irrsinnige Macho-Kultur.

Wie haben Sie 2011 die Bilder aus Fukushima wahrgenommen?

Dörrie: Es war ein schrecklicher Schock, wie für alle anderen wahrscheinlich auch. Ich habe sehr schnell mit Freunden in Tokio Kontakt aufgenommen. Sie waren sehr verletzt und traurig, weil alle Westler aus Tokio und dem Rest des Landes abgehauen sind. Sie waren alle weg, ganz schnell. Und sie sind auch nie wieder zurückgekommen. Ich habe ein schlechtes Gewissen gekriegt und dachte, dann fahre ich wenigstens mal hin und schaue es mir an. Das war dann aber schon sechs Monate später.

Hatten Sie kein mulmiges Gefühl?

Dörrie: Doch, na klar. Damals war es ja auch noch Sperrzone. Die Strahlung war um ein Vielfaches höher. Das fand ich schon ziemlich beängstigend. Ich habe die Leute in den Notunterkünften besucht. Damals dachten sie noch, es sei eine Übergangslösung. Heute, fünf Jahre später, sitzen sie immer noch da.

Warum leisten die Japaner so wenig Widerstand?

Dörrie: Eine komplizierte Frage. Das durchschnittliche Alter der Teilnehmer der Demonstrationen, die immer am Jahrestag der Katastrophe in Tokio stattfinden, würde ich auf 75 schätzen. Die Jungen demonstrieren nicht und engagieren sich auch überhaupt nicht gegen die Atomkraft. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Zum einen gibt es nicht wirklich eine demokratische Kultur des Widerstandes in Japan. Es gab nie eine Bewegung wie Brokdorf. Und es wurde immer zwischen der bösen Atomenergie, sprich der Atombombe, und der guten Atomenergie, der sauberen Kernkraft, unterschieden. Das ist sehr stark in den Köpfen drin. Ich habe einige junge Japaner aus dem Team gefragt, und sie hielten es für verlogen, wenn sie sich jetzt gegen Kernenergie engagieren würden. Sie wollen nur, dass es Strom gibt und ihr Computer läuft.

Spielt auch Unterwürfigkeit eine Rolle?

Dörrie: Nein. Sicherlich existiert eine größere Bereitschaft, Dinge zu ertragen und zu akzeptieren. Vielleicht durch die größere Gewöhnung an Naturkatastrophen. Die Japaner leben ständig mit Taifunen, Tsunamis, Erdbeben. Wenn man das noch nicht kennt, bleibt einem am Anfang fast das Herz stehen.

Die Regisseurin, der Film, das Unglück

Doris Dörrie wurde 1955 in Hannover geboren. Den Durchbruch als Filmregisseurin erzielte sie mit der Komödie „Männer“ (1985). Zudem ist Dörrie eine erfolgreiche Autorin von Kinderbüchern, Erzählungen und Romanen („Diebe und Vampire“, 2015).

„Grüße aus Fukushima“ , der neue Film von Doris Dörrie, kommt morgen in die Kinos. Er erzählt die Geschichte der jungen Deutschen Marie, die einer Geisha hilft, in ihr zerstörtes Haus im Katastrophengebiet von Fukushima zurückzukehren. Marie taucht tief in die japanische Kultur ein und bekommt so ihr zerrüttetes Leben wieder in den Griff (Filmkritik morgen in den LN).

Fukushima steht für eine der folgenschwersten Natur- und Nuklearkatastrophen. Am 11. März 2011 gab es ein schweres Erdbeben und einen Tsunami an der Ostküste im Norden Japans. In der Folge wurden sechs Reaktorblöcken des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi zerstört, es kam zu einer Kernschmelze, Radioaktivität wurde frei.

Von Interview: André Wesche

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