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Japans Pop-Bilder von 1690 bis heute

Hamburg Japans Pop-Bilder von 1690 bis heute

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zeigt mit „Hokusai x Manga“ die Geschichte der japanischen Massenkultur.

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Niedlich und stereotyp: Film-Still aus „Miss Hokusai“ des Regisseur Keiichi Hara (2015).

Hamburg. Wegwerfkultur? Popkultur? Hochkultur? Verehrungskultur? Sammelkultur und sogar Pornokultur? Oder sagen wir es feuilletonistisch: Erotik?

LN-Bild

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zeigt mit „Hokusai x Manga“ die Geschichte der japanischen Massenkultur.

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Ausstellung: „Hokusai x Manga – Japanische Popkultur seit 1680“, Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz 1, Hamburg. Die Schau läuft vom bis 11. September. Öffnungszeiten: Di. bis So., 10 bis 18 Uhr; donnerstags 10 bis 21 Uhr.

Internet: www.mkg-hamburg.de

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Hokusai x Manga – Japanische Popkultur seit 1680“ fielen diese Worte wie Handgranaten aus dem Waffenarsenal des intellektuellen Hoheamtes. Ja, auch der anspruchsvolle Kulturschaffende benötigt Schubladen und Geländer zum Halt im geistigen Leben. Doch genau die versucht die Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG), für die der japanische Holzschnitt-Künstler Katsushika Hokusai (1760-1849) namensgebend ist, zu sprengen. Die Grenzen zwischen Hochkultur und Kommerzkultur verschwimmen.

Die 19 Blätter von 1680, die die Bildgeschichte vom Dämonen Shuten-doji und der Heldenverehrung des Watanabe no Tsuna erzählt, der den Dämonen mit seinen treuen Kriegern besiegt – das ist doch ohne Zweifel Hochkultur, oder? Immerhin Holzschnitte einer volkstümlichen Legende vom japanischen Star des Genres, Hishikawa Moronobu.

Nora von Achenbach, Kuratorin der Schau, sieht das etwas anders: „Was wir heute mit weißen Handschuhen anfassen, war die Populärkultur von damals und wurde normal gehandelt.“ Der Holzschnitt war eine der ersten Möglichkeiten, Geschichten in Bildern zu erzählen, preiswert und schnell zu vervielfältigen und zu konsumieren. „Also haben wir uns gefragt, wie geht das mit der Populärkultur in Japan heute weiter.“

Billige Heftchen mit bunten Bildchen, die einfache Geschichten erzählen vom Astro Boy – in Japan so berühmt wie Micky Maus – Kleinkindercomics wie „Hello Kitty“ oder sogar Manga-Erotik mit äußerst eindeutigen Sexszenen – das alles ist doch wohl Wegwerfkultur... Diese Heftchen werden seriell produziert und von den Konsumenten nach dem Betrachten (Lesen?) einfach liegen gelassen.

Manga als Comic ist auch Teil einer Sammel- und Rollenspiel-Kultur, bei der einzelne Hefte Höchstpreise erzielen und ihre Konsumenten zum Teil völlig in ihre Figuren eintauchen. „Cosplay“ – aus dem englischen für Costume (Kostüm) und Play (Spielen) – wird dieses Phänomen genannt, bei dem sich Jugendliche in ihre Comic-Helden verwandeln. Mit viel Liebe zum Detail werden die Kostüme der Manga-Lieblingsfiguren geschneidert, die verkleideten Spieler treffen sich weltweit, jährlich zum Beispiel auf der Leipziger Buchmesse.

Warum das alles zusammen in einer Schau? Ausgangspunkt ist die Sammlung des MKG. Das Haus besitzt rund 3000 japanische Holzschnitte, die seit der Gründerzeit um 1880 angekauft wurden. Dieser international einmalige Bestand von Künstlern des Ukiyo-e, der japanischen Holzschnittkunst, „einfach bloß zu heben und mit der Öffentlichkeit zu feiern“, sei für das Museum nicht ausreichend, sagt dessen Direktorin Sabine Schulze. Das MKG erklärt wie in einem bildhaften Intertext Zusammenhänge. In den 1980er Jahren schwappte die Manga-Welle in den Westen. Sie fußt auf der Holzschnitttechnik ab dem 17. Jahrhundert. Auch inhaltlich. Dort wurden Helden- und Dämonengeschichten erzählt, Bilderstorys von Schauspielern oder Samurai. „Schlagworte wie Aktualität, schnelle Lesbarkeit, Typisierung, Starkult und Erotik werden zu Brücken in die heutige Popkultur“, erklärt Schulze. Das Genre finde sich im Fuji-Kult – der Verehrung des Fujiyama, Japans höchstem Berg – in Edo-Bildgeschichten mit der Großstadt als überidealisiertem Ort, oder in Geschichten vom Mangaheldenmädchen Miku Hatsune mit den großen Augen und ihren 36 Kostümen, so Simon Klingler, ebenfalls Kurator.

Aber auch in den Mangas, die von Krieg und Katastrophen erzählen, von Japans Stunde null, dem Atombombenabwurf auf Hiroshima. Es geht weiter bis zu Computerspielen, der verträumten Serie vom spazierenden Mann von Jiro Taniguchi (69) oder dem Kontrapunkt zur Stadt als Idylle der Serie „Akira“ (1982-1990). Hier wird in einer antiutopischen Science-fiction- Welt wie in „Blade Runner“, dem Cyberpunk-Klassiker des Film noir, die Stadt als Moloch gezeigt.

Simon Klingler erklärt: „Die Mangawelt ist vielfältig. Da spazieren nicht Asterix und Obelix ein Leben lang durch Gallien. Da stirbt auch mal ein Held.“ Da verschwimmen Geschlechterollen. Die Manga-Mädchen mit Kindchenschema und kurzen Röcken verhalten sich meist so heldenhaft wie Samurai. Nora von Achenbach: „Die Großstadt war Quell einer Vergnügungskultur. Dort bestand das Bedürfnis nach Unterhaltung und Vergnügen. Das Bedürfnis der Menschen nach einer Parallelwelt, einer imaginären Welt, gab es immer.“ Und gibt es noch immer.

Michael Meyer

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