Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 4 ° Schneeregen

Navigation:
Jauchzet, frohlocket!

Jauchzet, frohlocket!

Lübeck. 1000 Besucher in der Lübecker Marienkirche beim Nikolaussingen, die gesamte MuK seit Wochen ausverkauft für das gemeinsame Singen am 16. Dezember, ausgebuchte Chöre – gemeinsames Singen, ob mit oder ohne Noten, liegt im Trend, und das nicht nur im Norden.

Voriger Artikel
Turner-Preis geht an Lubaina Himid für politische Kunst
Nächster Artikel
Weihnachtsmann wirft Weihnachtsbäume auf Schiffe im Hamburg

Ulrike Gast musiziert mit der Kantorei – viele singen am Sonntag auch das Weihnachtsoratorium.

Quelle: Foto: M. Gehrke

20 000 Chöre sind im Deutschen Chorverband registriert, dazu kommen 20000 Kirchenchöre und etwa 15 000 Chöre und Chorprojekte der freien Szene. Mehr als 3,5 Millionen Menschen singen im Chor. Tendenz: Steigend. Chorverbands-Geschäftsführer Moritz Puschke sieht „in Deutschland gerade einen totalen Boom an sogenannten offenen Mitsing-Formaten“. Wenn die „Grölgruppe“ vom Theater Combinale einlädt, ist die Freilichtbühne voll. Der Lübecker Kneipenchor hat inzwischen knapp 50 Mitglieder. Das heißt: Aufnahmestopp. Sie machen Musik zwischen „Indie-Coolness und partypushendem Trash“, wie es auf der Homepage heißt. „Es gibt bei uns kein Vorsingen, keine Noten, jeder kann mitmachen. Dieses ungezwungene Singen ist beliebt“, sagt der Leiter Christian Sondermann. Er leitet außerdem den Kinderchor „Sing das laut“ und den Lübecker Rock’n’Roll Chor, der in den vergangenen Wochen acht neue Mitglieder aufgenommen hat.

 

LN-Bild

Volles Haus am Mittwoch beim gemeinsamen Singen in der Lübecker Marienkirche.

Quelle: Foto: Felix König

Mitsingen am Sonntag

St. Jakobi, Sonntag, 17 Uhr: Gemeinsames Singen des Weihnachtsoratoriums I-III. Solisten sind Dorothee Bienert (Sopran), Sunniva Eliassen (Alt), Svjatoslav Martynchuk (Tenor) und Immanuel Klein (Bass). Noten sind mitzubringen. Einlass ab 18 Uhr, Eintritt 12 Euro.

St. Aegidien: Sonntag, 16.30 Uhr, traditionelles Adventsliedersingen der Kurrenden, auch zum Mitsingen (Eintritt frei, Kollekte erbeten)

Gemeinsames Singen macht nicht nur Freude, sondern ist offenbar auch gesund. „Das Singen führt durch die Aktivierung der Atmung, die Kontrolle der Atemmuskulatur und nicht zuletzt durch das Gemeinschaftserlebnis zur Ausschüttung einer ganzen Reihe von positiven Emotionshormonen. Zum Beispiel werden Oxytocin, das sogenannte Kuschelhormon, sowie die klassischen Glückshormone, die Endorphine, ausgeschüttet“, sagt der Neurologe Eckart Altenmüller, Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover und Experte für Musikermedizin. Außerdem werde beim Singen Immunglobulin gebildet – das heißt: Singen stärkt die Abwehrkräfte. Sänger in Laien- und Amateurchören würden im Winter zum Beispiel seltener Schnupfen bekommen.

„Es geht um das Gemeinschaftsgefühl“

Auf ein medizinisches Urteil will Ulrike Gast sich zwar nicht festlegen, von der großen Freude am gemeinsamen Musizieren aber kann die Kantorin an St. Jakobi in Lübeck ein Lied singen. Sie leitet die Capella und die Kantorei sowie den Seniorenchor von St. Jakobi. Die Kantorei habe sich in letzter Zeit sehr verjüngt. Schüler und Studenten seien hinzugekommen, „das ist eine sehr schöne Entwicklung“.

Die Lust am gemeinsamen Singen ist vor allem in der Adventszeit spürbar, dann laden viele Kirchengemeinden zum Singen ein. In St. Aegidien stimmen an diesem Sonntag die Kurrenden und der Jugendchor Weihnachtslieder an. St. Jakobi lädt bereits seit 15 Jahren zum gemeinsamen Singen des Weihnachtsoratoriums, Teile I bis III, ein. Dann stimmt ein Chor aus etwa 300 Laien in das „Jauchzet, frohlocket auf, preiset die Tage“ ein. „Die sogenannten Sing alongs stammen aus England und finden in Deutschland immer mehr Anhänger“, sagt Ulrike Gast, die das Konzert leitet. Obwohl das Weihnachtsoratorium anders als der Kneipengesang musikalische Kenntnisse voraussetzt, ist die Kirche immer rappelvoll.

Was macht den Reiz aus? „Es geht um das Gemeinschaftsgefühl. Dass man ohne Proben an einem so großartigen Werk mitwirken kann“, sagt die Kirchenmusikerin. Für viele Menschen aus Lübeck und der näheren und weiteren Umgebung gehöre dieses Erlebnis inzwischen zur Weihnachtszeit dazu. Frauen, Männer, Ältere und Jüngere würden miteinander singen. „Gerade haben zwei Schülerinnen aus Hamburg angerufen, die unbedingt mitsingen wollen.“

Von den frei gewählten Plätzen aus singen alle mit, nicht nach Stimmlagen sortiert. Im Altarraum sind nur die Solisten und das Orchester, das aus Studierenden der Musikhochschule Lübeck besteht. „Das stellt an die Musiker besondere Anforderungen, denn sie wissen nie, wie der Chor reagiert. Ich nehme deshalb bewusst Tempo raus“, sagt Ulrike Gast. Aber es geht an diesem Abend ja nicht um Perfektion, sondern um ein Gemeinschaftsgefühl, dass das Herz wärmt und sich anfühlt wie – Weihnachten.

Petra Haase

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden