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Jazz-Virtuosen voller Energie und Eleganz

Niendorf/Ostsee Jazz-Virtuosen voller Energie und Eleganz

Jazz Baltica: Hommage an Nelson Mandela und Martin Luther King. Und immer wieder greift Festivalchef Landgren ins Geschehen ein.

Niendorf/Ostsee. Der zweite und der dritte Tag des Festivals Jazz Baltica boten eine sehr breite Palette zeitgenössischer Jazz-Richtungen. War der Freitag noch „Celebrating Nils“ überschrieben – Nils Landgren, der künstlerische Leiter, ist vor kurzem 60 geworden – so war am Sonnabend ein trauriger Anlass zu begehen, die Konzerte waren dem überraschend verstorbenen Saxofonisten Lutz Büchner gewidmet, der an diesem Abend ursprünglich mit seinem Quartett auf der Night Stage auftreten sollte Sonnabend: Draußen feucht, drinnen aufrüttelnd

Echte Fans sind hart im Nehmen. Dennoch war es am Sonnabend für die Freunde von Jazz Baltica im Niendorfer Hafen nicht leicht, sich in die Klänge des Lisa Wulff Quartetts einzuschwingen. Doch die Zuhörer blieben, standen dicht an dicht unter geschlossenen Buden in einer ansonsten wie leergefegten Flaniermeile, hatten zu zweit und zu dritt einen Regenschirm über sich, saßen tropfend auf weißen Plastikstühlen – und wippten sachte mit. Auf der Bühne boten die Kontrabassistin Lisa Wulff und ihre Band unaufgeregten, handgemachten Jazz, zu dem nur die dröge Moderation der Bandleaderin nicht passen wollte.

Die Musik der diesjährigen Gewinnerin des IB.SH-Jazz Award draußen am Hafen war hochwertig, doch in einer ganz anderen Liga spielten Anke Helfrich und Band in der Halle der Evers-Werft. Das Trio (Anke Helfrich am Klavier, Jonas Burgwinkel am Schlagzeug und Martin Wind am Kontrabass) hatte als Gast den Trompeter Tim Hagans mit auf der Bühne. Helfrichs Musik hat oft eine greifbare Inspirationsquelle und wird dadurch um eine Dimension reicher. So wurde ihre Hommage an Nelson Mandela mit „Invictus“ – unbesiegt – ein ergreifendes Stück Jazz auf der Grundlage eines Gedichtes von William Ernest Henley. Auf Englisch rezitiert und mit Jazzrhythmen vertont blieb eine Zeile haften: „I am the captain of my soul.“ Einige hochvirtuose Soli waren bereits vorbei, als der Mann mit der roten Posaune erschien und das nächste Solo beisteuerte: Nils Landgren war es ein Bedürfnis, bei der Mandela-Hommage mitzuwirken. Der Beifall war riesig.

Eine weitere Würdigung folgte: „I Have a Dream“ – die berühmte Rede Martin Luther Kings vom 28. August 1963, im Original über Videoprojektion zu sehen und zu hören und gleichzeitig musikalisch untermalt. Bedrängend und aufrüttelnd wirkte diese Komposition mit dem Titel „The Prize“, sehr politisch auch in einer Zeit, die Kings Worte wieder in den Fokus rückt.

Ganz anders, aber genauso wunderbar war dann der Abend mit der NDR-Bigband und Omar Sosa. Der kubanische Jazzpianist ist nicht der Intellektuelle, der mit seiner Musik wachrüttelt, er ist der Exzentriker, der ein gewaltiges Füllhorn an großen Emotionen über den Hörern auskippt. Es war beeindruckend und nicht ohne humorvolle Momente, die unaufgeregten, dabei musikalisch perfekten NDR- Musiker auf einer Bühne mit Omar Sosa zu erleben. Unter der Leitung von Jörg-Achim Keller wurden die afro-kubanischen Kompositionen mit manchmal elektronischem Einschlag zu einem Höhepunkt.

Sonntag: Kammermusik und nochmals die NDR-Bigband

Was in der klassischen Musik das Streichquartett, das ist im Jazz das Klaviertrio (Klavier, Bass, Schlagzeug): die auf das Wesentliche reduzierte, kammermusikalische Besetzung. Unmittelbar nacheinander traten in der Großen Halle das Joachim Kühn New Trio und das Omer Klein Trio auf. Aber darin erschöpften sich die Gemeinsamkeiten. Besser ließe sich gar nicht demonstrieren, wie produktiv diese klassische Besetzung ist: Fern von allen Äußerlichkeiten bringt sie ganz und gar unterschiedliche Musik hervor. Joachim Kühns Spiel ist weder melodisch noch harmonisch außergewöhnlich, und es swingt oder groovt nicht sonderlich. Seine Qualität lässt sich nur mit diesem schwer fassbaren Begriff erfassen: Energie. Kühn hat trotz seiner 71 Jahre den musikalischen Antrieb des Unkonventionellen, Freiheitssuchenden, und setzt damit noch immer erstaunliche Kraft frei.

Die Eleganz, die Kühn vollkommen abgeht, hat der 40 Jahre jüngere israelische Pianist Omer Klein. Mit kraftvollen Groove-Nummern begeistert er das Publikum, aber das können viele. Seine herausragende Qualität ist eine andere: Mit seinem kultivierten Anschlag nutzt Klein die Klangmöglichkeiten des Klaviers mehr als die weitaus meisten seines Fachs. Er kann zum Beispiel mit langen, melodiösen Passagen Spannung aufbauen, ohne einen Sechzehntellauf zu spielen. In diesem Trio haben Bassist (Haggai Cohen-Milo) und Schlagzeuger (Amir Bresler) eher dienende Funktion – was aber ihre Leistung nicht schmälert. Dies ist eben eine ganz andere Art, mit der klassischen Besetzung umzugehen. Das Wort sei erlaubt: Es ist schöne Musik.

Zur Schönheit fähig ist auch der polnische Geiger Adam Baldych, ein Virtuose, sprudelnd vor Ideen. Er trat mit der NDR-Bigband auf. Die Schönheit von Baldychs Spiel konnte sich vor dieser mächtigen Kulisse nicht ganz entfalten. Ein Konzert nur mit Adam Baldych und der Rhythmusgruppe der NDR Bigband, das wär's gewesen.

Das Funkjazz-Quartett Mo' Blow, das auf seiner Abschiedstour kurz zuvor schon im Lübecker CVJM Station gemacht hatte, riss erwartungsgemäß auch auf der großen Bühne das mehr als 1000 Besucher zählende Publikum mit. Als Nils Landgren mit der Posaune einstieg, war das Glück perfekt.

Eine schöne Ergänzung zum Festival-Programm sind die Konzerte im „Beiboot“, einer umfunktionierten Bootswerkstatt. Das Sidekick-Programm mit Lübecker Ensembles trägt dazu bei, das Festival an seinem Standort zu verwurzeln. Und nicht selten kommen dabei Perlen der lokalen Jazzkultur zum Vorschein – wie der swingende und technisch versierte Chor Fanjazztic (Leitung: David Hoffmann), der zeigt, wozu Laien mit professioneller Probenarbeit fähig sind.

Cornelia Schoof, Hanno Kabel

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