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Jazz aus Schweden

Lübeck Jazz aus Schweden

Ida Sand wird kommende Woche beim Travejazz-Festival spielen – unter anderem Songs von Neil Young.

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„Ich habe viel Glück, dass er in meinem Leben ist“: Ida Sand (39) über ihren Mentor Nils Landgren.

Quelle: Foto: Act

Lübeck. Irgendwann klingelte das Telefon, Siegfried Loch war dran. Und wenn einen der Gründer des Act-Labels anruft, Produzent, Musikmanager und überhaupt einer der deutschen Jazz-Großmeister, dann ist das kein schlechtes Zeichen für eine junge Musikerin, die dabei ist, Boden unter die Füße zu bekommen und ihren Platz zu finden.

 

LN-Bild

Eine Freundin Ida Sands hatte ihm Demo-Aufnahmen geschickt, und er fand sie sehr interessant. Er vermittelte ihr den Kontakt zu dem schwedischen Posaunisten Nils Landgren. Sie kannte seine Arbeit und viele seiner Musiker, aber sie kannte ihn nicht persönlich. Sie trafen sich auf einen Kaffee, redeten, und wenige Wochen später begleitete sie ihn bei einem Konzert. So kam das in Gang. Jetzt spielt Ida Sand in der kommenden Woche in Lübeck beim Travejazz-Festival und ist immer noch begeistert von den Menschen, die ihr auf ihrem Weg geholfen haben.

Sie ist mit Musik groß geworden, mit klassischer und geistlicher. Ihr Vater Staffan sang an der Oper, ihre Mutter Christina war Kirchenmusikerin. Sie selbst lernte Cello und mochte Pop, als sie jung war. Michael Jackson, Whitney Houston, solche Dinge. Aber mit 16 bog sie immer mehr Richtung Jazz ab, fand Blues und Soul interessant, überhaupt Musik, die Improvisationen kannte. Sie studierte in Göteborg, machte Musik, ging nach Stockholm, machte weiter Musik und tut das bis heute.

Vier Alben hat sie bisher herausgebracht, das letzte ist zwei Jahre alt und eine Auseinandersetzung mit Neil Young. Sie hatte vorher schon „Heart Of Gold“ von ihm gecovert und darüber nachgedacht, eine ganze Platte mit seinen Songs zu machen. Der Gedanke geriet aus dem Blickfeld, wurde aber wieder belebt, und dann, 2015, kam „Young At Heart“ auf den Markt.

Sie sei gerade auch über die Texte zu Neil Young gekommen, sagt sie. Sie mag die Poesie darin, die Melancholie, auch wenn er über Drogen und andere „destructive things“ singt. Sie fühlt sich ihm sehr verbunden. Aber sie hat auch schon andere Rock- und Popsongs gecovert, von Foreigner und den Eurythmics etwa, von Bill Withers. In Jazz-Standards Neues zu entdecken sei nicht so leicht, sagt sie. Da seien unerwartete Popsongs dankbarer und inspirierender.

Die Jazz-Szene in Schweden sei kleiner als die deutsche, natürlich. Clubs und Konzerthallen finde man eigentlich nur in den größeren Städten. Auch sei das Publikum etwas konservativer, nicht eben offen für neue Töne. Und ein wenig in die Jahre gekommen sei die Szene auch. Sie könne „frisches Blut“ gut gebrauchen, auch wenn jetzt ganz junge Talente nachrückten, gerade junge Frauen. Aber von den Zwanzigern bis zu ihrem Alter um die 40, da klaffe eine Lücke. Dennoch sei ihr nicht bange um den Jazz in Schweden, im Gegenteil.

Das liegt auch an Nils Landgren, um den sich im schwedischen und überhaupt im skandinavischen Jazz vieles dreht. Er habe eine großzügige Art, junge Leute nach vorne zu bringen, sagt sie. Er helfe und unterstütze, er biete ein Netzwerk und mache Konzerte mit ihnen. Sie selbst hat schon häufig mit ihm gespielt, unter anderem ist sie auf einigen seiner „Christmas With My Friends“-Alben zu hören und auf dem zehn Jahre alten „Licence to Funk“. Er ist Freund und Mentor für sie, Ansprechpartner und Produzent. „Ich weiß nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte. Ich habe viel Glück, dass er in meinem Leben ist.“ Und so wie ihr gehe es vielen: „Es ist fantastisch!“

In Lübeck wird sie mit einem Trio zu sehen sein: sie am Piano sowie Robert Mehmet Sinan Ikiz am Schlagzeug und Peter Forss am Bass, beides Freunde und langjährige Partner. Ihr Mann Ola Gustafsson, Gitarrist und Produzent, bleibt zu Hause. Sie spielt aber häufig in verschiedenen Besetzungen. Man muss sich immer wieder neu einhören, sagt sie. Das ist gut und hält die Sache lebendig.

Bei ihrem Gesang ist oft von Soul die Rede. Die „Financial Times“ schrieb, sie könne das amerikanische Jazz-, Soul- und Pop-Repertoire „mit ihrer dunklen, samtig-kraftvollen Stimme in funkelnde Preziosen“ verwandeln. Soulstimme, das gehe schon in Ordnung, sagt sie. Sie habe immer Sänger wie Aretha Franklin oder Stevie Wonder gemocht. Aber sie sei nun mal weiß und aus Schweden wie Monika Zetterlund, die eine „cool breeze“ in ihrer Jazzstimme gehabt habe und eine Tiefe dazu. Sie habe einen anderen kulturellen Hintergrund als die „real soul singers“, und sie finde es gut, wenn man das auch hört. „Ich möchte einfach niemanden kopieren“, sagt sie.

Ein Dutzend Bands beim Travejazz-Festival

Das Travejazz-Festival erlebt in diesem Jahr seine vierte Auflage. Die von einem Verein ehrenamtlich organisierte Veranstaltung bietet vom Donnerstag nächster Woche vier Tage lang (7. bis 10.

September) ein Dutzend Bands an verschiedenen Orten der Lübecker Altstadt: im Schuppen 6, im CVJM sowie in St. Jakobi und St. Petri.

Neben Pee Wee Ellis sind Diazpora, Salt Peanuts und die Bigband der Musikhochschule zu hören. Dazu gibt es Bento, Screenclub und das Annelie Ripke Quartett, das Duo Ulf Meyer &

Florian Galow, einen Abend für Peter Herbolzheimer und Jazz für Kids (www.travejazz.de).

Ida Sand spielt am Sonnabend mit den Kutimangoes im Schuppen 6. Zu ihrem letzten Album mit Coversongs von Neil Young hat sie von dem kanadischen Altstar noch keine Reaktion bekommen. Sie habe seine Musik aber „mit sehr viel Respekt“ aufgenommen, sagt sie. Und ein neues Album sei auch in Arbeit, „definitiv“.

Am Sonntag , dem letzten Festivaltag, wird auch zum zweiten Mal der Lübecker Jazz-Preis verliehen.

Peter Intelmann

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