Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 5 ° heiter

Navigation:
Jazzbaltica: Musik für Zuhörer

Niendorf Jazzbaltica: Musik für Zuhörer

Das Festival Jazz Baltica in Niendorf zeigt den modernen, europäischen Jazz von seinen besten Seiten.

Voriger Artikel
Neue Stücke und neue Leitung
Nächster Artikel
„Yellow Submarine“ zum Mitsingen

Talente aus Lübeck: Eric Staiger (Klavier), Moritz Butt (Bass) und Lukas Schulze-Rohr (Drums) sind die Band Frashback — und Gewinner des Jazz Baltica Förderpreises 2013.

Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Niendorf. Dunkle Wolken ziehen über den Niendorfer Hafen, es ist kühl, aber Hunderte sind vor die Freilichtbühne gekommen, um die junge Lübecker Band Frashback zu hören. Für den Pianisten Eric Staiger (17), den Bassisten Moritz Butt (18) und den Schlagzeuger Lukas Schulze-Rohr (20) ist dies der Höhepunkt ihrer bisherigen Laufbahn als Musiker. Sie nehmen den Jazz-Baltica-Förderpreis entgegen und legen eine Probe ihres Könnens ab.

0000zf8x.jpg

Talente aus Lübeck: Eric Staiger (Klavier), Moritz Butt (Bass) und Lukas Schulze-Rohr (Drums) sind die Band Frashback — und Gewinner des Jazz Baltica Förderpreises 2013.

Zur Bildergalerie

Mit erstaunlicher Professionalität und Improvisationskraft spielen sie ihr Programm, darunter viele wiederum erstaunlich ideenreiche und intelligente Eigenkompositionen. „Wir hatten viele Gigs vor Leuten, die kein Jazzpublikum waren“, sagt Lukas Schulze-Rohr anschließend. „Hier hat man gemerkt, dass die Leute wirklich zuhören.“

Für die Leute, die wirklich zuhören, ist dieses Festival gemacht, und wieder gibt es viel Neues und Überraschendes — also das, was den Jazz ausmacht. Das „Parsifal“-Projekt des Bassisten Dieter Ilg zum Beispiel. Von Richard Wagners weihevollen Gesamtkunstwerk bleibt nichts übrig. Hin und wieder weht ein romantisches Motiv, ein Hauch von Wagner‘schem Pathos, durch diese Musik, und dabei ist sie kraftvoll, groovt und macht Spaß.

Auch wenn es kein Wagner‘sches Gesamtkunstwerk sein muss: Es kommt bei Live-Musik sehr wohl auch auf die Präsentation an. Der Brachial-Funk der isländischen Samúel Jón Samúelsson Big Band wäre, für sich genommen, gut, aber nicht herausragend. Herausragend ist die Bühnenshow. Die Band, größtenteils vollbärtige Männer in schrillen Gewändern, präsentieren sich als gestörter Haufen: Der Bandleader ist ein größenwahnsinniger Sektenführer, der Keyboarder ein Autist, der Gitarrist ein Psychotiker, der seine Anfälle als Soli tarnt, der Schlagzeuger ein mühsam gebändigter Gewalttäter. Gute Musiker, ja, aber mindestens ebenso gute Komödianten. Für die solistischen Höhepunkte sorgen als Gäste Nils Landgren an der Posaune und Sebastian Studnitzky an der Trompete.

Nach Mitternacht spielte auf einer Bühne am Strand die Saxophonistin Alexandra Lehmler mit ihrem Quintett, die nächtliche Lübecker Bucht im Hintergrund — ein schöner Kontrast zum Powerplay der Isländer. Die Bandleaderin und ihr Pianist Oliver Maas entwickelten feine melodische Linien, und ganz ohne Anstrengung entstand ein leiser, unausweichlicher Groove.

Dass auch aus dem Genre Bigband noch etwas herauszuholen ist, zeigte gestern das Max von Mosch Orchestra mit herrlich vertrackten Rhythmen und wunderschönen harmonischen Schichtungen. Keine Wand aus Bläserklang, sondern bei aller Power kammermusikalisch differenzierte Musik.

Die Sängerin Lisa Bassenge sang auf Deutsch — und erschloss eine Dimension, die der populären Musik fast verloren gegangen ist: Die Texte sind klug, witzig und unangestrengt. Populäre Musik? Ja, dieser groovende, eingängige Jazz hat das Zeug dazu. Auch der Schlagzeuger Wolfgang Haffner, ein Veteran des Festivals, bedient sich ungestraft aus dem Vokabular der Popmusik. Er kann mit seinem präzisen, leichten und dabei kraftvollen Spiel ohnehin jede Musik zum Schwingen bringen — und wenn er dann einen wie Sebastian Studnitzky an seiner Seite hat, der auf dem Rhodes-E-Piano ebenso wie auf der Trompete fantastische Soli spielt, kann fast nichts schiefgehen. Man muss kein Jazzfan oder gar -experte sein, um daran Freude zu haben — man muss nur zuhören.

Das Festival dauert bis heute Abend. Programm: www.jazzbaltica.de

DREI FRAGEN AN...
1 Was ist für einen Musiker attraktiv daran, an einem Festival teilzunehmen? Man bekommt viele neue Zuhörer, und man kann andere Musiker treffen — gerade solche, die man sonst nicht trifft. Mein Kontakt mit Pat Metheny zum Beispiel ist bei Jazz Baltica entstanden. Am alten Ort in Salzau gab es diese legendären Late-Night- Sessions, die auch mal bis morgens um fünf gingen. Daraus sind manche Projekte hervorgegangen.

2 Dieses Festival hat sich verändert, es kommen keine amerikanischen Musiker mehr. . . Gottseidank! Das ist fast immer eine Einbahnstraße: Die Amis spielen überall und wir nicht, speziell wir Deutsche. Sie kriegen horrende Gagen, zum Teil aus öffentlichen Geldern. Das Festival heißt Jazz Baltica, und ich finde es gut, dass der Ursprungsgedanke wieder da ist. Die Amis interessiert auch gar nicht, was bei uns los ist. Die machen ihr Ding, nehmen ihr Geld und gehen wieder, und die deutschen Musiker kriegen im eigenen Land keine guten Gigs.

3 Ziehen die vielen Jazzfestivals aus den Städten etwas ab? Ja, das ist ein Problem. Früher gab es Bands, die konnte man nur einmal im Jahr hören. Mittlerweile hat jedes Kuhdorf ein öffentlich finanziertes oder gesponsertes Festival. Für die privaten Veranstalter wird es immer schwieriger.

Hanno Kabel

Voriger Artikel
Nächster Artikel