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Je später der Abend, desto böser die Geschichte

Lübeck Je später der Abend, desto böser die Geschichte

Ein Familienessen wird zum Familienthriller: Mit „Angerichtet“ macht es das Theater Combinale spannend.

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Ein Politiker, seine ambitionierte Frau: Serge Lohman (Ulli Haussmann) bestürzt Babette (Katreen Hardt) mit Rücktrittsgedanken.

Quelle: Foto: Malzahn

Lübeck. Der warme Ziegenkäse an Walnusskernen und Rucola ist nicht nach Paul Lohmans Geschmack. Paul (Oliver Hermann), ein gescheiterter Lehrer, hatte es ja geahnt: „Da erwartet mich garantiert etwas mit Ziege.“ Nun sitzt er mit Ehefrau Claire im Edelrestaurant bei einer Art Familienessen, zu dem sein Bruder eingeladen hat. Dem alerten Serge Lohman, verkörpert von Ulli Haussmann, war die Wahl zum Ministerpräsidenten schon sicher. Nun aber ist seine politische Karriere bedroht: Rick und Michel, die beiden 15-jährigen Söhne der Ehepaare Lohman, haben eine Obdachlose umgebracht. Bei dem Essen will Serge beraten, wie es weitergeht.

Ein schlichter Tisch, vier weiße Stühle mit überhohen Rückenlehnen, drei transparente Wände auf der Rückseite: Die Bühne ist vornehm-sparsam ausgestattet. Die Frauen, Babette (Katreen Hardt) und Claire (Mignon Remé) haben sich schön gemacht. Aus der Küche ist Geklapper zu hören. Die Stimmung am Tisch ist verkrampft. Man spricht über Tarantinos neuesten Film, über Urlaub, über Wein.

Das Publikum kann sich in einer Komödie wähnen, denn auf der Bühne werden Rituale einer konsumorientierten und zahlungskräftigen Schicht verspottet. Zum Bespiel wenn die Kellnerin (Stefanie Büttner) ihren Gästen einen Aperitif serviert („Der Aperitif des Hauses ist heute ein Champagner rosé), der keineswegs aufs Haus geht, sondern zehn Euro pro Glas kostet, wie Paul hämisch bemerkt. Aber je später der Abend, desto böser die Geschichte. Das Familienessen wird zum Familiendrama. Die Sache eskaliert, als Serge ankündigt, er werde am nächsten Tag in einer Pressekonferenz seinen Rücktritt bekanntgeben. Denn das wollen die drei anderen um fast jeden Preis verhindern.

Ulli Haussmann und Knut Winkmann, die den Bestseller von Herman Koch für die Bühne bearbeitet haben, ist das Kunststück gelungen, die Komplexität zu retten, ohne es kompliziert werden zu lassen. Die raffiniert ausgetüftelten Geschichte hat immer wieder überraschende Wendungen. Auch bei den Charakteren bleibt ein Rätsel, wen man vor sich hat. Eine Herausforderung an die Darsteller, mit Bravour gemeistert. Ulli Haussmann geht ganz in der Rolle des ehrgeizigen Politikers auf, Katreen Hardt in der seiner etwas exaltierten Ehefrau, die mehr an seiner Karriere hängt als er. Teuflisch gut: Mignon Remé als Claire und Oliver Hermann als Paul. Chris Dippert tritt als ihr Sohn Michel auf.

Auch wenn „Angerichtet“ keine Sozialtragödie, sondern ein Thriller ist: Wie im richtigen Leben weiß man nie, woran man ist. Das Lachen vergeht einem immer mehr. Dafür entwickelt das Stück, das Erik Schäffler inszeniert hat, andere Qualitäten und manch (fiese) Überraschung. Ein Abend voller Kurzweil, Witz und Spannung.

Weitere Vorstellungen: 13., 20., 21. September, jeweils 20 Uhr, Theater Combinale, www.combinale.de

„Auf meinem Teller herrscht das Prinzip der Leere.“


Paul Lohman während des Mahls im

Spitzenrestaurant

Liliane Jolitz

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