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Jedem seine eigene Berlinale

Berlin Jedem seine eigene Berlinale

Flüchtlingshilfe und Hollywoodstars: Ein Ausblick auf das 66. Berliner Filmfestival, das als das politischste der Welt gilt.

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Der Eröffnungsfilm: Die Komödie „Hail, Caesar!“ von Joel und Ethan Coen mit Scarlett Johanson wirft einen bösen Blick hinter die Kulissen Hollywoods.

Quelle: Fotos: Dpa

Berlin. Der Einladung zum Eröffnungsempfang liegt eine Zusatz-Info bei: „Während die Berlinale 2016 stattfindet, sind weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht und auf humanitäre Hilfe angewiesen“, heißt es darin. Und dann wird der Festivalgänger freundlich gebeten, für ein Behandlungszentrum für Folteropfer zu spenden (www.bzfo.de).

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Außer Konkurrenz: „Chi-Raq“ mit Teyonah Parris und John Cusack.

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Deutlicher lässt sich kaum signalisieren, dass sich das Festival fest im Hier und Jetzt verwurzelt sieht. Das brennendste politische Thema schwebt auch über der 66. Berlinale, die heute beginnt. Neu ist dieses Engagement nicht: Schon vor 13 Jahren gewann Michael Winterbottoms Drama „In This World“ den Goldenen Bären. Es erzählte von afghanischen Flüchtlingen, die in einem Container ersticken.

2015 geschah genau dies in einem Schleuser-Lastwagen in Österreich. Manchmal kommen sich Wirklichkeit und Fiktion erschreckend nah.

Doch darf man das Festival keinesfalls als politischen Debattierclub mit angeschlossenem Kino sehen. In den nächsten eineinhalb Wochen kann jeder seine eigene Berlinale erleben. Politik und Kunst, Glanz, Glamour und große Geschäfte — all dies durchdringt sich gegenseitig. Die Eröffnung mit der Komödie „Hail, Caesar!“ ist ein illustres Beispiel dafür: Die Coen- Brüder werfen einen vermutlich garstig-bösen Blick hinter die Kulissen Hollywoods, und sie schicken eine erkleckliche Zahl von Hollywoodstars nach Berlin, angeführt von George Clooney.

Eine Berlinale muss man sich als schier unendliches Universum vorstellen, in dem man sich verlieren kann. Jeder muss seine eigene Umlaufbahn in den nächsten eineinhalb Wochen finden.

Der Wettbewerb: Ins Rennen gehen 18 Filme — etwa aus Tunesien, dem Iran, Großbritannien, den USA, Portugal und Polen. Stark vertreten sind die Franzosen. Der längste Film „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ kommt von den Philippinen und dauert acht Stunden — Festivalrekord! Regisseur Lav Diaz erzählt vom Kampf seines Landes gegen die spanische Kolonialmacht Ende des 19. Jahrhunderts.

Außer Konkurrenz startet Spike Lees in den USA viel diskutiertes Musical „Chi-Raq“ über Waffengewalt in den USA.

Deutsche Filme: Einzig das Schwangerschaftsdrama „24 Wochen“ von Regisseurin Anne Zohra Berrached mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel hat es in den Wettbewerb geschafft, ein Abschlusswerk an der Filmakademie Baden-Württemberg. Den prestigeträchtigsten deutschen Film, Tom Tykwers „Hologramm für den König“ mit Tom Hanks, hat die Berlinale nicht bekommen, Nicolette Krebitz‘

Regiedebüt „Wild“ lief bei Robert Redfords Sundance-Festival. In Nebenreihen starten Doris Dörries Japan- Ausflug „Grüße aus Fukushima“ und Hans Steinbichlers „Tagebuch der Anne Frank“ sowie rund 70 weitere Filme.

Die Retrospektive: Unter dem Titel „Deutschland 1966 — Filmische Perspektiven in Ost und West“ wird ein Kino-Jahrgang untersucht. Im Westen beleuchteten damals Autorenfilmer die Widersprüche des Wirtschaftswunders, im Osten hinterfragten Regisseure den sozialistischen Alltag. Dem Neuen Deutschen Film gelang der Durchbruch, in der DDR wurde nach dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees 1965 knapp die Hälfte der aktuellen Defa-Spielfilme verboten. Zur Retrospektive gehören aus der DDR Hermann Zschoches „Karla“ und Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“, aus der BRD Peter Schamonis „Schonzeit für Füchse“ und Volker Schlöndorffs „Der junge Törless“.

Das Publikumsfestival

434 Filme werden bei dem mit einer halben Million Besuchern größten Publikumsfestival präsentiert. Um den Goldenen und die Silbernen Bären konkurrieren 18 Filme.

Die Jury: US-Schauspielerin Meryl Streep ist Präsidentin, ihr zur Seite sitzen drei Schauspieler, der Deutsche Lars Eidinger, der Brite Clive Owen und die Italienerin Alba Rohrwacher, dazu die französische Fotografin Brigitte Lacombe, der britische Filmkritiker Nick James und die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska. Das Bärenfell wird am 20. Februar verteilt.

Den Ehren-Bär bekommt Kameramann Michael Ballhaus (80). Für seine Ehrengala hat er sich Scorseses „Gangs of New York“ gewünscht.

Stefan Stosch

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