Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Jedermanns Entzauberung

Jedermanns Entzauberung

Regisseur Michael Sturmingers Inszenierung in Salzburg schleift ein Nationalheiligtum.

Salzburg. So einen „Jedermann“ hat Salzburg noch nicht gesehen. Der zerrüttete Protagonist mit Schizophrenie-Schub auf der Intensivstation, eine Buhlschaft ohne Sex-Appeal – und die berühmten Jedermann-Rufe, schaurige Todesverkündung, schon zum Prolog des Stücks, gleichsam als Motto: Der österreichische Regisseur Michael Sturminger hat Hugo von Hofmannsthals Festspiel-Dauerbrenner einer radikalen Neudeutung unterzogen. Riesenjubel gab es für den neuen Jedermann, Tobias Moretti. Der Applaus für Regisseur Sturminger fiel deutlich schwächer aus.

Gleich zu Beginn der Premiere wird klar, dass Tobias Moretti alles andere ist als ein Jedermann alter Schule. Seine Stimme klingt brüchig und verzagt, seine Beziehung zur Buhlschaft stellt sich kühl und leidenschaftslos dar, seine Fröhlichkeit aufgesetzt. Bei der Bankettszene, die eher einem Neureichen-Buffet ähnelt, hält er sich gequält die Ohren zu. An dieser Stelle ertönen sonst die Domglocken, begleitet von den Jedermann-Rufen, und künden vom nahen Tod des reichen Mannes.

Doch diesmal spielt sich das alles nur in Jedermanns Kopf ab. Man ahnt: Dieser Jedermann ist nicht von Gott und seinen Freunden, sondern von allen guten Geistern verlassen. Später liegt er in einem Krankenhausbett – hinten an der Kulisse der Domwand flackern grün die Signale eines Elektrokardiogramms.

Sämtliche Akteure tragen in dieser Neuinszenierung Alltagskleider. Jedermanns guter Gesell, recht machohaft gespielt von Hanno Koffler, ist eine Mischung aus Kumpel und Bodyguard, der Tod ein tätowiertes Mischwesen aus Mann und Frau, der Mammon ein goldflittriges Krümelmonster, und vom Teufel (wieder Hanno Koffler) weiß man nicht so recht, was der hier eigentlich zu suchen hat.

Die kniffligste Frage ist die Turbo-Bekehrung des Jedermann vor dem Gang ins Grab. Sturminger bietet eine radikal säkularisierte Lösung: Sein Jedermann wird nicht durch den Glauben erlöst, sondern durch die Liebe, allerdings nicht die zu seiner Buhlschaft, sondern zu der Figur der Guten Werke (Mavie Hörbiger), die er erst auf dem Krankenbett kennenlernt. Am Ende lässt sich Moretti vom Tod nicht willenlos abführen, sondern drückt ihm, jetzt erst wirklich selbst-bewusst, den Todeskuss auf den bleichen Mund.

Die nüchtern-demokratische Konzeption dieser „Jedermann“- Premiere ist durchaus stimmig. Doch es ist auch eine arg entzauberte, geheimnislose Sicht des traditionsreichen Stoffes. Auch dessen latenter Antikapitalimus spielt keine Rolle mehr. Die ganze illustre Mannschaft macht einen seltsam blassen Eindruck, sogar Stefanie Reinspergers Buhlschaft in einem rekordverdächtig unattraktiven Kostüm. Und die eigentümlichen Hofmannsthalschen Knittelverse wirken jetzt erst richtig verstaubt.

Bislang hatte sich in Salzburg niemand getraut, den „Jedermann“ so radikal in die Gegenwart zu verpflanzen. Die Regisseure hielten mehr oder weniger fest an den ehernen Traditionen, die der Festspielgründer Max Reinhardt in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gleichsam kodifiziert hatte: das gravitätische Spiel, die deklamatorische Sprache, die Dominanz der Domkulisse als Bastion des Glaubens. Am weitesten vorgewagt hatte sich 2013 das britisch-amerikanische Regieduo Brian Mertes und Julian Crouch. Ihre an Puppen- und Straßentheater erinnernde Inszenierung sollte ursprünglich dieses Jahr noch einmal aufgelegt werden. Doch daraus wurde nichts. So bekam Sturminger seine Chance – und nutzte sie für einen Neuanfang.

Georg Etscheit

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden