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Johannes Brahms ist in Lübeck zu Hause

Lübeck Johannes Brahms ist in Lübeck zu Hause

25 Jahre Brahms-Institut und 25. Brahms-Festival: Lübeck ist Zentrum der Pflege und Erforschung des Werks des großen Komponisten.

Lübeck. Wer nicht mit der jüngeren Geschichte der Musikhochschule Lübeck vertraut ist, wird sich wundern, warum es hier ein Institut gibt, das dem Komponisten Johannes Brahms gewidmet ist. Die Nachbarstadt Hamburg, die ist doch Brahms-Revier, dort wurde er im düsteren Gängeviertel geboren, sein Vater spielte in Cafés zum Tanz auf. Auch der Sohn musste dort bereits mit 13 Jahren am Klavier zum Unterhalt der Familie beitragen. Mit 29 zog es ihn in die Welthauptstadt der Musik — nach Wien. Als er zum bedeutendsten Komponisten seiner Zeit aufgestiegen war, erhielt Brahms die Ehrenbürgerwürde Hamburgs — da er „durch hervorragende Werke seiner Vaterstadt Ehre und Ruhm bereitet“ habe.

Aber Lübeck?

Der Ausgangspunkt für die Gründung des Brahms-Instituts war eine Sammlung. Das Ehepaar Renate und Kurt Hofmann hatte seit den 1950er Jahren Autographen, Briefe, Bilder und Dokumente zu Leben und Werk des Komponisten zusammengetragen. Das Land Schleswig-Holstein erwarb das umfangreiche Konvolut und siedelte das damit ausgestattete Brahms-Institut in der Musikstadt des Nordens an — in Lübeck. Am 14. Mai 1991 wurde es mit einem Festakt unter dem Dach des Medizinhistorischen Instituts in der Königstraße und unter der ehrenamtlichen Leitung der zwei Brahms-Enthusiasten Renate und Kurt Hofmann eröffnet. Ein Jahr später gab es das erste Brahms-Festival, die damalige Kulturministerin Marianne Tidick konnte frohlocken: „Schleswig- Holstein hat sich zu einem neuen Schwerpunkt der Brahms-Pflege in Deutschland entwickelt.“

Seit 1999 ist der Musikwissenschaftler Wolfgang Sandberger Institutsleiter, im Sommer 2002 zog er mit den kostbaren Beständen in die klassizistische Villa Eschenburg vor dem Burgtor. Sandberger verfügt immerhin über Belege, dass Brahms Lübeck einst besuchte: „Wir haben Programmzettel, aus denen hervorgeht, dass er gemeinsam mit dem damals berühmten Sänger Julius Stockhausen drei Mal in Lübeck konzertiert hat.“ Vielleicht habe er als Teenager auf dem Weg nach Travemünde sogar die Villa wahrgenommen, wo heute sein Leben und Werk und das seines Umfeldes erforscht wird.

Doch das sind Döntjes. „Uns umgibt vielleicht nicht die Aura des Authentischen“, sagt der Institutsleiter, „aber wir haben einen Schatz an Handschriften, Erst- und Frühdrucken, Briefen und mehr, wie es ihn kaum ein zweites Mal zu Brahms gibt.“ Seit 14 Jahren wohnt Brahms also auf dem Jerusalemsberg, sichtbar und hörbar auch für die Lübecker dank regelmäßiger Ausstellungen, die den Bestand an Fotos, Bildern und Zeichnungen, Schriften und Drucke präsentieren; und dank der Konzerte und Vorträge, die für ein größeres Publikum offen sind.

Ein Großteil der Sammlung ist inzwischen digital verfügbar. Wissenschaftler aus aller Welt bedienen sich hier; man kann Brahms-Handschriften einsehen oder ganz indiskret Briefe und das vollgekritzelte Adressbuch des Komponisten studieren. Unter den zahlreichen Publikationen, die das Institut hervorgebracht hat, nimmt das Brahms- Handbuch, herausgegeben von Wolfgang Sandberger, einen prominenten Platz ein. 632 Seiten geben umfassend Auskunft über Leben, Werk und Wirkung des Komponisten. „In diesem Band kommen die Spezialisten der verschiedensten Bereiche zu Wort“, sagt Sandberger. „Es enthält eine Darstellung des Forschungsstandes, andererseits aber auch die Eröffnung neuer wissenschaftlicher Perspektiven.“

Das kleine Jubiläum drängt nicht nur zur Rückschau, sondern auch auf Ausblick. „Wir sind bei etwa 50000 digital erfassten Einzelseiten“, so Sandberger. In Sichtweite ist nun die digitale Edition „Brahms gewidmet“ mit Möglichkeiten der Verlinkung der Werke in Geschichte und Gegenwart. „Wir sind zwar vor allem auf Brahms geeicht“, gibt Sandberger zu bedenken, „aber wir haben auch gigantische Schätze aus seinem Umfeld. Diese einzuordnen wird noch ein paar Jahre dauern.“

Zunächst will der Institutsleiter den Nachlass von Joseph Joachim angehen, dem Brahms-Freund und bedeutendsten Violinisten seiner Zeit. Auch die Hinterlassenschaften dieses Musikers verdankt das Institut dem Ehepaar Hofmann.

Von Michael Berger

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