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Johannes Brahms unter Frauen

Lübeck Johannes Brahms unter Frauen

Großer Künstler, einsamer Mensch? Der Komponist hat sich nie gebunden. Eine Ausstellung zeigt: seine Beziehungen waren dennoch überaus vielfältig.

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Autograph des Liedes „Trennung“ (1858).

Quelle: Fotos: Roessler

Lübeck. Der Komponist Johannes Brahms (1833-1897) blieb sein Leben lang unverheiratet. Dabei war er ein Frauenschwarm und dem weiblichen Geschlecht durchaus zugetan – zu einer wirklichen Bindung jedoch fehlten ihm Mut und Willen. In einer neuen Ausstellung thematisiert das Brahms-Institut an der Musikhochschule in seinem schmucken Domizil am Jerusalemsberg vom kommenden Mittwoch an Brahms als Gegenstand weiblicher Verehrung und als Künstlerfreund.

2 von drei Lied-Autographen für Agathe gibt es jetzt in Lübeck.

Immerhin war Johannes Brahms 1858/59 einmal verlobt. Und der Autograph einer Liedkomposition mit dem vielsagenden Titel „Trennung“, den er seiner Verlobten Agathe von Siebold schenkte, ist dann auch das Prunkstück der Ausstellung. „Agathe von Siebold schenkte Brahms’ Handschrift des Liedes einer Freundin. Einer ihrer Nachfahren hat es dem Brahms-Institut für einen Preis überlassen, der weit unter den am Markt üblichen lag“, sagt Institutsleiter Wolfgang Sandberger. „Von den drei erhaltenen Lied-Autographen, die Brahms seiner Agathe schenkte, befinden sich jetzt zwei in Lübeck. Alle anderen Brahmsiana hat Agathe von Siebold vernichtet, nachdem sie die Verlobung gelöst hatte.“

Dass es zu der Trennung kam, hatte mehrere Gründe. Agathe von Siebold war die Tochter eines wohlbestallten Göttinger Universitätsprofessors, der zudem noch katholisch war. Brahms war ein Anfänger im Musikleben, sein erstes Klavierkonzert war gerade bei der Uraufführung krachend durchgefallen – da passten zwei Milieus nicht zusammen. Entscheidend aber war wohl ein Brief Brahms’ an seine Verlobte, dass er Fesseln nicht ertragen könne und deshalb vor einer endgültigen Verbindung zurückschrecke – Agathe blieb nichts anderes übrig, als die Verlobung zu lösen. Mit blutendem Herzen, wie sie noch Jahrzehnte später an einen Freund schrieb.

„Die zentrale Frauenfigur im Leben von Johannes Brahms war Clara Schumann“, sagt Wolfgang Sandberger. „Das Verhältnis der beiden war sehr vielschichtig, es reichte von Freundschaft bis zu großer Leidenschaft – auf Seiten von Brahms.“ Der 20-Jährige machte der 34-Jährigen heftigste Avancen, sie ging auf das Liebeswerben jedoch nicht ein. Was weiter bestand, war eine innige Freundschaft. Clara Schumann las und korrigierte Brahms’ Manuskripte, sie spielte auf ihren ausgedehnten Tourneen seine Werke, Wolfgang Sandberger nennt das Verhältnis im Ausstellungskatalog in Anspielung auf Goethes Roman eine „musikalische Wahlverwandschaft“. Brahms und Clara Schumann entwickelten jedoch auch gegenseitige „Besitzansprüche“.

Als Brahms sich verlobte, reagierte Clara Schumann ausgesprochen indigniert. Und als der Komponist sich auch noch in Claras Tochter Julie Schumann verliebte, endete das Verständnis der Witwe. Julie heiratete jedoch einen italienischen Grafen, damit war die Gefahr vorbei.

Eine besondere Preziose der Ausstellung ist das durchaus laszive Bild einer unbekannten, attraktiven jungen Frau mit entblößter Schulter aus Brahms’ Besitz. Auf der Rückseite steht die eigenhändige Widmung: „Ist das Original nicht vergessen u. wollen sie eine alte Bekanntschaft erneuern, so finden Sie es ...“ – es folgt die Adresse der Dame, die eventuell eine Prostituierte war, man weiß es nicht. Die Adresse findet sich auch in Brahms’ Notizbuch, allerdings ist sie durchgestrichen.

Weiterhin zu sehen sind Brahms gewidmete Werke anderer Komponisten bis hin zu Johann Strauß. Hier wird Johannes Brahms als Netzwerker dargestellt, als zentrale Figur nicht nur im Wiener, sondern im europäischen Musikleben seiner Zeit.

Ein spätes Bild mit seiner Verehrerin Alice Barbie zeigt den 59-jährigen Johannes Brahms. Er wirkt wie ein Greis auf dieser Fotografie, wie ein uralter, leicht verwahrloster und leicht schmieriger Mann, der seine besten Jahre längst hinter sich gelassen hat und dem man zutrauen könnte, in der Halbwelt zu verkehren. Ein Frauenschwarm war er aber immer noch.

Freier Eintritt

Die Ausstellung wird am Mittwoch, 1. Februar, um 17 Uhr im Brahms-Institut (Jerusalemsberg 4) eröffnet. Sie ist zu sehen bis zum 31. Mai 2017,

jeweils mittwochs und sonnabends von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt zur Eröffnung und zur Ausstellung im Brahms-Institut ist frei. Der reich bebilderte Katalog mit vielen Erstveröffentlichungen kostet 19,90 Euro.

Er ist im Verlag Edition Text + Kritik erschienen.

Jürgen Feldhoff

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