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Jüdische Chuzpe schlägt Hitler

Schwerin Jüdische Chuzpe schlägt Hitler

In Schwerin gelingt mit Mel Brooks‘ Musical „The Producers“ die Verbindung von NS-Szene und Komik.

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Frühling für Hitler: Özgür Platte als schwuler Broadway-Regisseur Roger DeBris, der in der Premiere die Hitler-Rolle spielen muss; seine Partnerin, die Sekretärin Ulla, wird von Sonja Isemer gespielt.

Quelle: dpa

Schwerin. Zackige SS-Offiziere in schwarzen Uniformen samt Hakenkreuzbinden, ein gestiefelt und gespornt einherstolzierender Führer im Braunhemd, Arme zum Hitlergruß gereckt. Ist man im falschen Film? Nein, man sitzt im Großen Haus des Schweriner Staatstheaters — und amüsiert sich köstlich.

Mit dem Entsetzen wird hier Scherz getrieben, und die Vorlage dazu liefert Mel Brooks mit seinem Broadway-Musical „The Producers“. Der 2001 mit zwölf Tony Awards dekorierte Bühnenhit ist inspiriert von etwas, das es auch in Deutschland einmal gab, aber von den Nazis ausgerottet wurde: jüdischen Witz. Der Lächerlichkeit preisgegeben schrumpfen Hitler und Co. zu Zwergen. Charlie Chaplin („Der große Diktator“) und Ernst Lubitsch („Sein oder Nichtsein“) haben es vorgemacht, der jüdische Hollywoodstar Brooks hat es nachgemacht mit dem Film „Frühling für Hitler“ (1968), dann mit dem daraus entwickelten Musical.

Dass auch in Deutschland die Verbindung von Drittem Reich und Humor gelingen kann, beweist die von Brooks persönlich mit einem „enthusiastic yes“ abgesegnete Schweriner Aufführung, die das Premierenpublikum zu Beifallsstürmen hinriss — vom Parkett bis hinauf zum letzten Rang. Schauspieldirektor Peter Dehler verabreicht seiner Inszenierung hohe Dosen jener Vitamine, die das Musical braucht: Tempo und Trubel. Nach einem etwas lahmen Beginn schnurrt alles ab wie am Schnürchen. Blitzschnelle Umbauten hinter dem Vorhang, während davor die Post weiterhin abgeht. Zudem eröffnet die Bühnengestaltung (Ulv Jakobsen) weite und breite Perspektiven. Spektakuläre Panoramen (New York in nächtlichem Blau) auf der Videowand und davor im rasenden Wechsel Schauplätze vom schäbigen Büro bis zum edlen Appartement. Große Spielräume für eine groß angelegte Inszenierung, an der Schauspielensemble, Opernchor und die oft wie eine Bigband swingende Staatskapelle gleichermaßen beteiligt sind.

Aufdrehen dürfen die auch bewundernswert singenden und tanzenden Darsteller. Dirk Audehm und Christoph Bornmüller bilden das unschlagbar komische Paar, das einen abstrusen Gaunerplan ausheckt.

Der beruflich gescheiterte Musicalproduzent Max Bialystock (Audem) und der theaterverrückte Buchhalter Leo Bloom (Bornmüller) wollen am Broadway Kasse machen — ausgerechnet mit dem Stück „Frühling für Hitler“, dem schlechtesten, das sich finden lässt, inszeniert vom schlechtesten Regisseur mit den schlechtesten Schauspielern. Jüdische Chuzpe — natürlich mit Happy End.

Bis es aber dazu kommt, tanzen die Puppen. Sonja Isemer verkörpert wunderbar kokett das radebrechende Schwedenmädchen Ulla, Andreas Lembke spielt herrlich meschugge den schuhplattelnden Altnazi Franz, Özgür Platte und Klaus Bieligk sind zum Schreien komisch als schwuler Regisseur und dessen Lover, wobei sie nie eines der üblichen Homo-Klischees bedienen.

Und die Fragen nach Hitler und Drittem Reich? Die verschwinden im Wirbel einer Aufführung, die hinreißende Kitschbilder (Neuschwanstein im deutschem Märchenwald) generiert. Vielleicht ist dieses Verschwinden genau das, was Mel Brooks sich wünscht.

Nächste Vorstellung: Do., 31. Oktober, 18 Uhr. Karten: (0385) 53 00 123.

Vom Film zum Musical
Mel Brooks (* 1926 in New York, Foto) ist der Sohn eines deutschen Juden und einer russischen Jüdin. Seine Karriere begann in den 1950er Jahren als TV-Komiker. Sein erster Kinofilm war „Frühling für Hitler“ von 1968. Aus der Geschichte um zwei Produzenten, die das schlechteste Stück aller Zeiten — es stammt von einem Altnazi — auf die Bühne bringen und mit dem Geld der Investoren anschließend flüchten wollen, wurde 2001 das Broadway- Musical „The Producers“.

Hermann Hofer

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