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Jüdisches Leben, Exil und ein Fund

Lübeck Jüdisches Leben, Exil und ein Fund

Das Lübecker Museumsjahr 2016: Ken Aptekar erforscht Nachbarn von St. Annen. Erstmals sind frühe Blätter von Günter Grass zu sehen.

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Selbstporträt von Udo Lindenberg aus der Sammlung Rüxleben.

Lübeck. Lübeck Die „Lübeck 1500“-Ausstellung im Museumsquartier St. Annen hat in den vergangenen Monaten viel Aufmerksamkeit beansprucht. Die „Jahrhundertausstellung“ über Lübeck als Kunstmetropole im Ostseeraum im späten Mittelalter wird am Sonntag, 10. Januar, mit einer Kuratorenführung und einem Konzert in der Aegidienkirche verabschiedet. Im Februar gibt es in St. Annen die nächste große Schau: „Ken Aptekar — Nachbarn“, ist der Titel. Ken wer? Aptekar sei ein Künstler, erfährt man auf seiner Homepage, „der Malerei mit Texten kombiniert“. Und dass er 1950 in Detroit, Michigan, geboren wurde und zwischen Paris und New York pendele. Sein Lübecker Projekt sei „eine als Gesamtkunstwerk zu verstehende Präsentation“, verrät das Museum.

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Frühe Zeugnisse im Günter-Grass-Haus: Grass (r.) an der Kunstakademie in Düsseldorf mit einem Kommilitonen.

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Aptekar hat vor zwei Jahren im Videokanal Youtube einen Aufruf platziert. „Hast Du schon mal von Lübeck gehört?“, fragt er da sein internationales Publikum. Er suche Filmaufnahmen und Fotos aus den 1930er Jahren, „aus diesem schönen Städtchen im Norden“. Vor allem solche, auf denen die Synagoge in der St. Annen-Straße neben dem Museum zu sehen sei. Oder jüdische Feste und Versammlungen. Er wolle nicht die „Nazi-Horrorshow“ thematisieren, sondern Zeugen des jüdischen Alltags vor dem Zweiten Weltkrieg einladen.

Auf seiner Homepage verrät Aptekar, dass er einen gewissen Rodolfo Hofmann in Chile besucht habe, der als letzter Jude vor dem Zweiten Weltkrieg seine Bar Mizwa in der Lübecker Synagoge feiern konnte. Hofmann sei für ihn eine Beispiel für die Koexistenz von Juden und Christen, die die Nazis zerstört hätten. Was konkret in der Installation zu sehen sein wird, erfährt man erst in einigen Wochen. (7. Februar bis 29. Mai) Im Sommer werden im Museumsquartier Fotografien gezeigt — von der Insel Mallorca. Nicht die Farbenpracht auf dem „Sehnsuchtsfels“ — so der Titel — ist zu sehen, sondern überwiegend Schwarz-Weiß- Aufnahmen der Lübecker Künstlerin Anja Doehring, literarisch kommentiert von Charlotte Kerner. (19. Juni bis 18. September 2018) Im Behnhaus/Drägerhaus muss man bis September auf eine große Sonderschau warten: „Begegnungen — Deutsche und dänische Malerei“ ist eine Kooperation mit dem Fuglsang-Kunstmuseum auf der Insel Lolland. Bilder aus den Jahren 1880 bis 1930 werden ausgestellt, die Werke regionaler Malergrößen ebenso wie die international bekannter Künstler: Vilhelm Hammershøi oder Anna Ancher auf dänischer Seite, Max Liebermann, Lovis Corinth oder Ernst Ludwig Kirchner auf deutscher Seite. (24. September bis 31. Dezember) Das Buddenbrookhaus kann aus dem reichhaltigen Leben einer Großfamilie schöpfen. Ab Juli ist dort die Ausstellung „Fremde Heimat — Die Manns, das Exil und die deutsche Kultur“ zu sehen. Sie erzählt die Fluchtgeschichte der Manns zwischen 1933 und 1952. Vor den Nationalsozialisten flieht die Familie zunächst ins europäische Ausland und dann in die USA — eine Geschichte, die angesichts der aktuellen Fluchtbewegungen aktueller denn je sei, sagen die Ausstellungsmacher. Das Gefühl der Entwurzelung sei heute wie damals ein Hauptproblem der Migranten. (11. Juni bis 8. Januar 2017) Bei der ersten Sonderausstellung im Günter-Grass-Haus nach dem Tod des Namensgebers überrascht zunächst der Titel: „Don‘t fence me in“, ein Cowboy-Song von Cole Porter aus dem Jahr 1934. „Dieses Lied gibt die Stimmung im Nachkriegsdeutschland wieder“, sagt Museumleiter Jörg-Philipp Thomsa. Aus dieser Zeit stammen die Arbeiten von Günter Grass, die nun erstmals gezeigt werden.

Ihre kürzliche Entdeckung überraschte selbst den Künstler: In Düsseldorf war man unter der Treppe eines Wohnhauses auf ein Konvolut von Zeichnungen des Studenten Grass aus den späten 1940er und frühen 1950er Jahren gestoßen. Aus dieser Periode waren bisher kaum Grass-Arbeiten erhalten. „Die Schau präsentiert Zeugnisse der frühen Entwicklung eines Schriftstellers von Weltrang, dessen literarisches Schaffen immer von bildender Kunst geprägt war“, sagt Thomsa. Die Ausstellung soll einer ganzen Generation junger Künstler gewidmet sein, die nach 1945 einen radikalen Neuaufbruch versuchte. (1. April bis 31. Oktober 2016)

Lokale Künstler & Porträts
Die Gemeinschaft Lübecker Künstler wird ihre Jahresschau 2016 wieder in der Kunsthalle St. Annen abhalten — vom 27. November bis zum 8. Januar 2017. Die Künstler-Gruppe feiert ihr 70-jähriges Bestehen.
Künstler-Selbstporträts aus der Sammlung Rüxleben werden parallel dazu ausgestellt. Die alphabetisch präsentierte jährliche Schau ist bei K bis M angekommen, zu sehen gibt es Bilder von Alfred Kubin, Max Liebermann, Udo Lindenberg oder René Magritte.

Michael Berger

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