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Kultur im Norden Feuerwerk von Zoten und Klischees
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17:16 26.10.2018
„Blutgruppe Nutella“: Jürgen von der Lippe. Quelle: dpa
Lübeck

Auf drei Säulen verlasse er sich an diesem Abend, verriet der stürmisch begrüßte Jürgen von der Lippe seinem Publikum: Kinder, Tiere und Senioren. Als „Grabverweigerer“, zitiert er die Jugendsprache, stehe er selbst mit seinen 70 Jahren auf der Bühne – mit „Blutgruppe Nutella“ als Anspielung auf seinen stattlichen Bauch. Doch er bleibt vor allem seinen klassischen Themen treu: den menschlichen Typen, die er so scharf beobachtet, und ihren Schwächen.

Also heißt es, sich zu wappnen. Doch was folgt, ist ein Parforceritt durch die die mentalen und körperlichen Tiefen des Alterns in einer Deutlichkeit, die mal witzig, aber oft einfach platt ist. Flott liefert der erfahrene Comedian unappetitliche Informationen, die man lieber nicht erfahren hätte, zu im Seniorenalter mühevoll absolvierter Erotik sowie fäkalienbelasteten Alltags- und Alterserscheinungen. Sogar Fontane, Eichendorff oder Epikur müssen für das Feuerwerk von Zoten und Klischees herhalten.

Von der Lippe gewährt außerdem Einblick in sein Fotoalbum. Aber der Mix von Bildern aus dem Netz ist teilweise grenzwertig. So muss sich das Publikum zum Thema „tiefverwurzeltes Bedürfnis des Menschen nach Dröhnung“ unter anderem dem Anblick von Alkoholkonsumenten im Kleinkindalter stellen und verunfallenden Tieren. Schadenfreude ist eben auch ein Garant für Lacher. Doch unter vielen begeisterten Zuschauern, die sich die Tränen aus den Augen reiben, gibt es die eine oder andere versteinerte Miene. Als herrlich berlinernder, versiffter Grufti in schwarzem Leder lässt sich von der Lippe darüber aus, wie er andere Fluggäste schockt, indem er einen eigens angerührten Brei aus der Kotztüte löffelt. Nicht jeder möchte sich das vorstellen. Braucht es das?

Der verdiente Komödiant, dem die ARD zu seinem 70. Geburtstag im Juni eine Gala widmete, lässt hier und da durchblitzen, was sein Talent seit vier Jahrzehnten auf der Bühne ausmacht: sein intelligenter, blitzschneller Sprachwitz und seine natürliche Schlagfertigkeit im Dialog mit dem Publikum. Und natürlich seine unglaublich treffenden Imitationen, auch von Stars wie Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer oder Peter Maffay, die er stets respektvoll und nahezu als Hommage für seine Kollegen bringt. Übrigens sehr gut bei Stimme. Die ganze Halle im Griff hat er mit dem Heimweh-Schmachter von Freddy Quinn. Mit „Schön war die Zeit“, das er gemeinsam mit dem Publikum singt, kommt fast Wehmut auf. Er kann es ja, keine Frage. Doch ob er sich mit diesem Programm einen Gefallen getan hat, bleibt dahingestellt.

Margitta True

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