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Kultur im Norden Jugendspiele mit Grande Dame
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20:10 01.08.2015
Scharmützel am Pult: der Venezolaner Ilyich Rivas. Quelle: Axel Nickolaus
Lübeck

Ein sehr junger Dirigent stellte sich Freitagabend vor die NDR-Radiophilharmonie aus Hannover, die in beeindruckender Stärke in der Lübecker Musik- und Kongresshalle angetreten war. Ilyich Rivas heißt der elegante Mann mit der schwarzen Lockenpracht, die er beim Dirigieren effektvoll einzusetzen weiß. Er wurde 1993 in Venezuela geboren, sein Vater war bereits Orchesterleiter. Man darf deshalb annehmen, dass der Vorname Ilyich eher eine Verbeugung vor Peter Iljitsch Tschaikowsky ist als vor Wladimir Iljitsch Lenin.

Tschaikowsky war auch das SHMF-Konzert gewidmet, und neben dem großen Klangkörper hatte es Rivas auch mit einer Großen der Klavierkunst zu tun — mit Elisabeth Leonskaja, die seit Ende der 1970er Jahre die russische Pianistentradition von Wien aus am Leben hält.

Leonskaja ist drei Mal so alt wie der Dirigent, dieser aber hat schon Erfahrung bei einigen international konzertierenden Orchestern gesammelt und stahlt Selbstsicherheit aus. Er begegnet der Solistin beim selten gespielten zweiten Klavierkonzert Tschaikowskys (G-Dur, op. 44) auf Augenhöhe. Leonskaja lässt sich in die Anfangsakkorde hineinfallen, lächelt verschmitzt zu kraftvollen Arpeggien. Entschlossen gibt sie dem satten Tuttiklang Kontra, treibt mit so rasanten wie sicher abgerufenen Oktavkaskaden das Orchester vor sich her, Rivas nimmt gelassen ihr Tempo auf. Das Orchester klingt zuweilen schwer, sein Gewicht lastet auch auf der Solistin, sie wird zu Flüchtigkeiten verleitet. Bei der langen Klavierkadenz des ersten Satzes befreit sie sich davon, hier brilliert sie auch in leisen Stellen.

Die Radiophilharmonie, bekannt für ihre Kooperationen mit Pop-Musikern, zeigt dann, dass sie ein junges Ensemble ist. Im zweiten Satz, wenn sich das Klavier zurücknimmt, kommt die Konzertmeisterin Friederike Starkloff (im Dialog mit dem Cellisten Christoph Marks) zu solistischen Ehren. Starkloff, geboren 1990 in Chemnitz, tritt selbstbewusst aus dem Kollektiv hervor und setzt sich mit intensivem Spiel in Szene. Große Anerkennung bei der Pianistin.

Starkloff wird am Ende genauso gefeiert wie Leonskaja. Diese lässt sich eine Zugabe abringen: ein glitzerndes Rachmaninoff-Prélude.

Bei der „Pathétique“, Tschaikowskys sechster Sinfonie, dreht Ilyich Rivas richtig auf. Er ficht am Pult mit unsichtbaren Mächten, die aber laut vernehmbar sind, und er lässt das Orchester auch einige Male hyperventilieren. Die Fortissimo-Stellen klingen dann insbesondere im Blech lärmig-ordinär. Doch wenn der vierte Satz delikat verklingt, ist alles wieder gut. Der Beifall hält lange an.

mib

LN

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