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Junge Liebe rostet nicht

Lübeck Junge Liebe rostet nicht

Das Kieler Ballett begeisterte mit der Lübecker Version von Prokofjews „Romeo und Julia“.

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Eindrucksvoll: Saya Komine als „Frau in Weiß“ in der Aufführung des Balletts „Romeo und Julia“ des Kieler Balletts.

Quelle: Fotos: Olaf Struck

Lübeck. „Romeo und Julia“ ist in der Weltliteratur die Liebesgeschichte schlechthin. Am Theater Lübeck ist das Thema in dieser Spielzeit gleich in drei Versionen zu erleben, als Oper von Vincenzo Bellini, als Musical von Leonard Bernstein und jetzt auch als Ballett zur Musik von Sergej Prokofjew. Kiels Ballettchef Yaroslav Ivanenko bringt den Stoff mit seiner Compagnie in einer für die Lübecker Bühne erstellten Fassung an die Trave.

LN-Bild

Das Kieler Ballett begeisterte mit der Lübecker Version von Prokofjews „Romeo und Julia“.

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Ivanenko beweist mit seiner Choreographie, dass man der alten Geschichte immer wieder aktuelle Züge abgewinnen kann. Dazu braucht man sich nicht einmal zu verbiegen oder Dinge an den Haaren herbeiziehen. Sie bieten sich durch die Krisen in dieser Welt geradezu an.

Jugendliche Gangs

Eins gleich vorweg: Man vergesse Verona und seinen Herzog als Gesetzgeber. Es bedarf keines Karnevals oder Maskenballs in Oberitalien, um Shakespeares Drama wirkungsvoll auf die Bühne zu bringen. Bei Ivanenko treffen jugendliche Gangs aufeinander. Sie fechten nicht mehr mit dem Degen, sondern mit Fäusten oder Knüppeln. Zur Not wird das Messer gezückt oder mit dem abgebrochenen Flaschenhals zugestoßen.

Im ersten Akt erinnert manches an die West Side Story. Oder an Einheimische und Eingewanderte in Bautzen – und anderswo? Den ersten Toten gibt es sehr früh. Die „Frau in Weiß“, die Todesbotin, muss nicht warten, bis der flippig-fröhliche Mercutio auf der Strecke bleibt oder der finster-fiese Tybalt ihm ins Grab folgt. Wie gesagt: Ein Herzog als Gesetzgeber wird nicht gebraucht. Graf und Gräfin Capulet – für Lübecker Ballettfreunde ein Wiedersehen mit Johannes und Caroline Kritzinger – sind Gesetz genug. Eine weitere Parallele zur Gegenwart sind schwarz gekleidete Ordnungshüter, die die Randalierer zur erkennungsdienstlichen Vernehmung aufs Revier schleppen. Solche Aktualisierungen aber sitzen haargenau auf der Musik. Prokofjews aufwühlende Klänge, adäquat vom Philharmonischen Orchester unter Generalmusikdirektor Ryusuke Numajiri umgesetzt, kommen zur Ruhe, wenn sich die jungen Liebenden zum ersten Mal begegnen. Da stimmen Gefühle und Klänge genau überein.

Ein bisschen modern wirkt auch die Balkonszene. Da senkt sich die obere Etage mit der verliebten Julia ganz einfach herab, so dass das Paar – hin- und hergerissen zwischen Sehnen, Verlangen und schüchterner Scheu – sich zum großen pas de deux vereinen kann. Ganz am Schluss schwebt die Gruft mit den beiden Leichen im Gegenzug Richtung Bühnenhimmel. Etwas plakativ zwar, aber durchaus wirkungsvoll.

Neben der minimalistischen Ausstattung vieler Szenen (Bühne: Heiko Mönnich) steht der geradezu opulent gestaltete Ball bei den Capulets. Romeos Freunde Benvolio und Mercutio können auch hier ihre Späße vorführen. Die Amme erfährt eine Aufwertung, und für einen Mandolinentanz wird eigens ein Tanzlehrer aus der Mozartzeit engagiert. Das ergibt ebenso heitere wie neue Spielzüge, und über den tolpatschigen Grafen Paris lächelt das Publikum sowieso.

Überragende Tänzer

Vor allem aber begeisterten die tänzerischen Leistungen. Balkiya Zhanburchinova ist eine zauberhaft jugendliche, ausstrahlungsstarke Julia, Amilcar Moret Gonzalez ein draufgängerischer Romeo. Shori Yamamoto (Mercutio) und Shizuru Kato (Benvolio) machen nicht nur den Ballgästen, sondern auch den Zuschauern Spaß, wenn sie unbeherrscht und doch kontrolliert umhertollen. Meirambek Nazargozhayev als Tybalt, ein Kraftpaket. Dass er etwas mit der Gräfin hat, ist neu. Graf Paris (Didar Sarsembayev) wird als linkischer Lover vorgeführt. Die Amme (Viola Crocetti-Gottschall) ist von der Kostümierung her eher eine Gouvernante, aber eine mit viel Herz. Andrey Rudnev wechselt vom Detektiv des Anfangs zum Pater der zweiten Hälfte. Eindrucksvoll die „Frau in Weiß“ (Saya Komine). Schön anzusehen immer wieder auch die Ensembles. Bei der Premiere gab es Szenenapplaus und am Schluss Jubel für die Tänzer, ihren Chef und die Musik.

Ballett im Theater

Von „Romeo und Julia“ sind am Lübecker Theater nur wenige Wiederholungen geplant. Die nächsten finden am Freitag, 7. Oktober (19.30 Uhr), sowie am Sonntag, 23. Oktober (16 Uhr), statt.

Das Gastspiel des Kieler Balletts in Lübeck wird am Sonntag, 16. Oktober, begleitet von einer Lesung mit dem Titel „Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal“. Mairike Grund und Steffen Kubach stellen literarische Versuche über Bälle, Tanzstunden oder Landdiscobesuche vor und berichten von tanzenden Herzen und müden Füßen. Sie lesen Texte von Alexander Puschkin, Marlene Streeruwitz, Vaslav Nijinsky, Georg Büchner, Eckhard Henscheid, Shakespeare und Goethe. Vielleicht wird auch gesungen.

Beginn ist um 18.30 Uhr im „Jungen Studio“.

Konrad Dittrich

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