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Kultur im Norden Jux und Tollerei um jeden Preis
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18:12 25.05.2016

Im Theater ist alles möglich und alles erlaubt. Man darf sogar aus Shakespeares Tragödie „Othello“ eine Komödie machen. Dann jedenfalls, wenn man dafür gute Gründe vorbringen kann. Ralph Reichel, scheidender Chefdramaturg des Mecklenburgischen Staatstheaters, kann es nicht. Seine Freilicht-Inszenierung des Eifersuchtsdramas im unvergleichlich schönen Innenhof des Schweriner Doms segelt laut knatternd daher, bleibt aber alsbald in seichten Gewässern stecken. Ein dünner Verschnitt aus Commedia dell’Arte, Musical und Posse.

Gespielte Leidenschaft open air: Amadeus Köhli als Othello, Caroline Wybranietz als Desdemona, l. im Hintergrund: Özgür Platte. Quelle: Fotos: Silke Winkler, Ulf-Kersten Neelsen, Disney Enterprises

Was jugendlich hip sein soll, ist albern, was sommerlich leicht sein soll, ist plump, was anti-klassisch frech sein soll, ist derb. Der Versuch, das Stück modisch zu schminken und komödiantisch aufzudonnern, endet folgenreich. Das Drama, allen Ernstes und damit auch aller tragenden Stützen beraubt, kracht in sich zusammen. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen, dessen Splitter ab und zu mal funkeln, sonst aber glanzlos sind.

Charlotte Burchard, die auch den einer Sonnenuhr-Scheibe gleichenden und mit astrologischen Zeichen bemalten Halbbogen hinter dem dreieckigen Spielpodest entworfen hat, steckt die Schauspieler in venezianisch anmutende Kostüme, verpasst ihnen aber gleichzeitig stylische Sonnenbrillen und andere Schickeria-Accessoires von heute. Shakespeares Gesellschaft aus dem Venedig des 16. Jahrhunderts mutiert zu einer Disco- und Partygemeinschaft der Gegenwart. Der tiefere Grund dafür ist nicht ersichtlich, und rätselhaft bleibt auch, warum hier Othellos Offiziere Cassio (Simon Ahlborn) und Rodrigo (Christoph Götz) sowie Desdemonas Vater (Sebastian Reusse) als ausgesprochene Tölpel auftreten müssen. Jux und Tollerei um jeden Preis, ausgebreitet auf einem farbigen, auf Dauer aber doch nervigen Klangteppich, den John R. Carlson, Johannes Richter und Beate Rothmann nahezu pausenlos weben.

Schwerer ins Gewicht fällt jedoch, dass die Hauptfiguren – Feldherr Othello und sein Intimfeind Jago – im vorgegebenen Rahmen arg blässlich bleiben. Die durch Jagos infame Intrigen immer stärker angefachte Eifersucht Othellos kann der sonst oft beeindruckende dunkelhäutige Darsteller Amadeus Köhli nur schwach dosiert herüberbringen.

Hochkochende Leidenschaften – nur gespielt, kaum verkörpert. Und auch Jochen Fahr bleibt in der Rolle des manchmal wie ein Ansager auftretenden Jago hinter seinen Möglichkeiten deutlich zurück. Wo ist das Diabolische, wo die Abgründigkeit? Ein großer Bösewicht? Nein, ein kleiner Schurke. Der hetzt auch mal mit rassistischen Tönen gegen seinen schwarzen Vorgesetzten, eine politische Spur, die aber schnell versandet. Und die am Ende von Othello erdolchte Desdemona? Caroline Wybranietz spielt sie, reizvoll anzusehen, eher wie ein flippiges junges Ding – und weit weg von der berührenden Unschuld des Vorbilds.

Bis zum 3. Juli 2016. Die nächsten Vorstellungen: 28. und 29. Mai sowie 4., 9., 10. und 12. Juni. Karten: (0385) 5300 123; kasse@theater-schwerin.de

Hermann Hofer

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