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Kammermusik aus neuerer Zeit

Lübeck Kammermusik aus neuerer Zeit

Beim Brahms-Festival standen Werke des Namensgebers, von Alban Berg und Max Reger auf dem Programm.

Lübeck. „Modulationen“ stand über einem weiteren Abendkonzert des Brahms-Festivals in der Musikhochschule. Reiner Wehle führte kurz ins Thema ein. Der Fokus werde auf die Zeitspanne zwischen 1890 und 1920 gerichtet, auf Jahrzehnte mit Endzeit- und Aufbruchstimmung. In der Malerei habe das jeder vor Augen. Das realistische Bild verschwand, die Abstraktion rückte in den Vordergrund. In der Musik sei es die Auflösung des klassisch-romantischen Harmoniesystems zugunsten neuerer Klänge gewesen, sagte Wehle.

 

LN-Bild

Die aufgeführten Werke bewegten sich allerdings in Gefilden, denen jeder im Saal ohne große Mühe folgen konnte. Das mag auch daran liegen, dass ein spätes und sogar ein letztes Werk Anfang und Ende des Programms bildeten und milde Herbststimmung verbreiteten: Brahms, der mit zwei Sonaten für Klarinette und Klavier seine letzten Arbeiten auf dem Gebiet der Kammermusik schrieb, und Reger, der in den letzten Monaten seines Lebens das Klarinettenquintett op. 146 vollendete. Dazwischen zweimal Alban Berg; eine anregende Mischung.

In der Brahms-Sonate op. 120 Nr. 1 erlebte das Publikum zwei Musikerinnen, die bestens aufeinander eingespielt waren und aufeinander eingingen, Sabine Meyer und Konstanze Eickhorst, brillant im energischen Auftrumpfen, wunderbar weich und schmiegsam, wenn die Klarinette singen durfte. Keck und munter kam das Allegretto grazioso über die Rampe, spritzig und virtuos das Finale.

Alban Bergs Klaviersonate op. 1 hat die Wiener bei der Uraufführung anno 1911 nicht überzeugt. Heute gilt sie als Schlüsselwerk ihrer Zeit. Manfred Aust brachte den ganzen Kosmos dieses äußerst konzentrierten einsätzigen Werkes zum Klingen, in kraftvollen Akkordfolgen ebenso überzeugend wie bei intimen Klanginseln. Die „Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5“ von Berg sind Perlen der Kammermusik, Miniaturen, Aphorismen in Tönen. Das Duo Meyer/Eickhorst malte sie mit kräftigem Pinselstrich, aber auch in Pastellfarben. Die Zuhörer folgten gebannt.

Im zweiten Teil des Abends erklang Max Regers Abschied von dieser Welt, sein Klarinettenquintett, ein inniges Zwiegespräch zwischen Klarinette und Streichquartett, ausgeführt von Reiner Wehle (Klarinette), Elisabeth Weber (1. Geige), Andrés Murillo Aydillo (2. Geige), Lena Eckels(Viola) und Ulf Tischbirek (Cello). Ein Exeget meinte, Mozart habe dem Komponisten vom Himmel lächelnd über die Schulter geschaut, nach dem Jahr 1916 hört sich dieses Werk nicht unbedingt an. Die Musiker auf dem Podium trafen den spätromantischen Duktus bestens, in Parallelen von Streichern und der Klarinette ebenso wie bei rhythmisch divergierenden Passagen. Mitreißend erklang im Schlusssatz die geist- und kontrastreiche Kette der Variationen. Einhelliger Beifall für ein Konzert, wie man es in dieser Folge nicht oft erleben kann.

Von Konrad Dittrich

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