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Kultur im Norden Kapitalismus schlägt Humanismus
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20:42 30.04.2018
Kollision der Systeme: Jens Harzer als Howard Roark (l.) und Jörg Pohl als Peter Keating. Quelle: Fotos: Krafft Angerer

Es gibt Bühnenstoffe, nach denen hat niemand verlangt (außer vielleicht der Theaterintendant, warum auch immer), die sind aus der Zeit gefallen und aus ihrem kulturellen Kontext sowieso. Doch sie kommen dennoch auf den Spielplan. Bei „Fountainhead“ ist das nicht anders.

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Eine krudes Menschen- und Weltbild bestimmt das Theaterstück „Fountainhead“. Es ist ein Spiel nach dem gleichnamigen Roman der US-amerikanischen Autorin Ayn Rand (1905-1982). Doch die Inszenierung am Thalia Theater Hamburg ironisiert all ihre Thesen.

Zwei junge Architekten, einer, der seine genialen Entwürfe keinem Kompromiss unterwerfen will, ein anderer, der seine Seele für die Karriere verkauft, stehen im Mittelpunkt der Geschichte aus den 1940er Jahren. An diesen beiden wird ein politisch-gesellschaftliches Exempel statuiert: Das unbeugsame Genie, dargestellt vom knorrigen Jens Harzer, predigt die Religion des Eigennutzes, an der die Welt genesen solle. Sein Widersacher, gespielt vom semmelblonden und wandlungsfähigen Jörg Pohl, begründet seine Nachgiebigkeit mit sozialer Verantwortung, doch sie ist der Talentlosigkeit geschuldet. Sein Antrieb steht hinter ihm: die Mutter (Marina Wandruszka), die den Sohn die Erfolgsleiter hinaufscheucht – heute wäre sie in den USA eine Soccer-Mom.

Ayn Rand, das zu wissen hilft beim Verständnis des Stoffes, war die einflussreichste Theoretikerin des Laissez-faire-Kapitalismus. Sie ist im Trump-Land USA noch heute populär mit ihrer Lehre, dass der Egoismus eine Gesellschaft weiterbringe, nicht Humanismus oder die Solidarität ihrer Mitglieder. Ein in Europa merkwürdig erscheinender Genie-Kult ergibt sich daraus: Der freie Mann ist das schaffende Wesen, das sich seine Umwelt unterwirft. Und so darf Jens Harzer als Architekt Howard Roark unermüdlich schwadronieren, dass der potente Kerl aus sich selber schöpft und niemandem verantwortlich ist. Er predigt wie ein Sektenguru: Exzentriker aller Länder, vereinigt euch. Er stehe als Schöpfer in einer Reihe mit den Entdeckern des Feuers und des Rades.

Die von vielen begehrte Dominique erobert er artgerecht mit einer Vergewaltigung – für Ayn Rand offenbar ein unausweichliches Schicksal der Frau. Marina Galic spielt diese Schönheit allerdings nicht als Opfer, sondern als Zynikerin unter Raubtieren, die sie verachtet. Die beiden Gottgleichen, Howard und Dominique, sprengen dann auch den Gebäudekomplex in die Luft, den Roark entworfen hat, an dem aber niedere Geister frevelhafte Veränderungen vorgenommen haben.

Regisseur Johan Simons kann sich auf ein virtuos auftrumpfendes Ensemble verlassen. Tilo Werner als wortgewaltiger wie intriganter Architekturkritiker Toohey, Sebastian Rudolph als seine Macht missbrauchender Medientycoon Wynand haben grandiose Soli. Sie kehren die Rand-Lehrsätze letztlich in ihr Gegenteil um – mit Ironie, Slapstick und übertrieben großen Gesten. Ansonsten wäre der Theaterabend kaum erträglich. Warum „Fountainhead“ (deutsch etwa „Urquell“, der Begriff wird auch im Programmheft nicht erklärt), dieses krude Heldenepos, aufgeführt wird, wenn man seine Thesen doch negiert, bleibt bis zuletzt rätselhaft. Michael Berger

Weitere Vorstellungen: Freitag, 4. Mai, 19 Uhr, Sonnabend., 5. Mai, 15 Uhr. Karten: 040 32 81 44 44 Der Roman „Fountainhead“ ist auf deutsch als „Der ewige Quell“ erschienen (Goldmann). Im Gewis-Verlag gab es mit „Der Ursprung“ im Jahr 2000 eine Neuübersetzung.

LN

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