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Kultur im Norden Karl Marx und die Veränderung der Welt
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21:08 30.04.2018
Karl Marx – hier als Statue in Chemnitz – war einer der wirkungsmächtigsten politischen Denker des 19. Jahrhunderts. Quelle: Foto: Dpa

Thomas Steinfeld ist eigentlich Germanist und Musikwissenschaftler, er lebt als Feuilleton-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Venedig. Und ein solcher offensichtlicher Schöngeist beschäftigt sich mit Karl Marx? Und wie er das tut, kenntnisreich, durchaus emphatisch und dennoch nicht unkritisch: „Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx“.

Wer sich auf hohem Niveau und dennoch auch auf unterhaltsame Art über Marx und seine ökonomische Philosophie informieren will, der ist mit diesem Buch bestens bedient. Eine nach Sachbereichen aufgefächerte Zergliederung der Gedanken des Karl Marx ist alles andere als ein einfaches Unterfangen. Steinfeld gelingt es, das ökonomische Denken des angeblichen Vaters des Marxismus übersichtlich darzustellen. Er verschweigt dabei auch nicht die vielen Widersprüche, die sich bei Marx finden. Und die dunklen Seiten seiner Schriften. Marx’ Behandlung des „Lumpenproletariats“ etwa, das er als barbarische, unzuverlässige und zu keiner revolutionären Aktion fähige Unterschicht ansah. Steinfeld weist aber auch darauf hin, dass diese Unterschicht, die man in den USA „white trash“ nennt, sich immer nationalistischer benimmt und nicht zuletzt dafür gesorgt ´hat, dass ein Donald Trump Präsident der USA geworden ist – vielleicht hatte Marx doch nicht so ganz unrecht mit seiner Einschätzung?

Die Völker Osteuropas nannte Marx „Völkerabfall“– das ist ein Begriff aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Dass ausgerechnet der „Völkerabfall“ in Russland die erste proletarische Revolution auslöste und ein System errichtete, das der freiheitsliebende Karl Marx zutiefst verachtet hätte, ist einer der Treppenwitze der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Thomas Steinfelds Buch ist ein sehr gelungener Versuch, das kaum zu überblickende Werk des Karl Marx greifbar und begreiflich zu machen. Sehr lesenswert und trotzdem auch kurzweilig.

Auf theoretisch besonders hohem Niveau bewegt sich die Studie „Interpretieren um zu verändern. Karl Marx und seine Philosophie“ von Kurt Bayertz. Bayertz ordnet die Gedankenwelt des Karl Marx in historische Zusammenhänge ein, was unter anderem dazu führt, dass man die denkerischen Abhängigkeiten des Philosophen erkennt. Oft genug wurde und wird Karl Marx als Originalgenie angesehen, der allein aus eigener Gedankenkraft sein System zur Überwindung des Klassenkampfes erschaffen hat. Weit gefehlt, auch ein unbestritten großer Denker wie Marx philosophierte nicht im luftleeren Raum.

Biografien des Meisters mit dem Rauschebart sind in großer Zahl zum 200. Geburtstag erschienen, die meisten in enzyklopädischer Länge und schon deshalb in ihrer großen Anzahl fragwürdig. Es stellt sich nicht nur die Frage, wer dass alles lesen soll. Es stellt sich auch die inhaltliche Frage, warum sich die Biografen gleich im halben Dutzend an den Schreibtisch gesetzt haben, um zu beschreiben, wie schlecht es der Familie Marx ging, wie miserabel der Philosoph mit Geld umging und was für ein liebevoller Familienvater er war. Und was für ein erbarmungsloser Gegner, wenn man ihm widersprach.

Drei Biografien seien hier stellvertretend für alle genannt: „Marx. Der Unvollendete“ von Jürgen Neffe, eine mehr auf Inhalte als auf Lebensbeschreibung ausgerichtete Biografie. „Karl Marx: Die Biografie“ von Gareth Stedman Jones zeichnet das Leben des Ökonomen bis in die kleinsten Kleinigkeiten nach – auf seine Art auch durchaus lesenswert. „Karl Marx: Philosoph und Revolutionär“ von Rolf Holsten ist eine Art Zwitter der beiden vorstehend genannten Ansätze.

Viel Literatur über Karl Marx ist zum Geburtstag erschienen – aber ist es nicht Zeit, endlich einmal wieder Marx ohne Umweg über seine Exegeten zu lesen? Hier bietet der von Klaus Körner herausgebene Band „Es kommt darauf an, die Welt zu verändern. Ein Karl-Marx-Lesebuch“ sehr gute Möglichkeiten. Neben einem kurzen biografischen Abriss finden sich in diesem Buch sorgfältig kommentierte Schriften von Marx aus sämtlichen Schaffensperioden von 1842 bis 1875. Beiträge über die Pressefreiheit stehen neben einem Kapitel aus „Das Kapital“, Bemerkungen über den Bürgerkrieg in Frankreich und die Pariser Kommune neben einer Kritik des Gothaer Programms der SPD. Sehr lesenswert, wie die Sozialdemokraten Marx umdeuteten.

Literaturhinweise

„Herr der Gespenster“ von Thomas Steinfeld, Hanser, 288 Seiten, 24 Euro.

„Interpretieren um zu verändern. Karl Marx und seine Philosophie“ von Kurt Bayertz, Beck, 272 S., 24,95 Euro.

„Marx. Die Biografie“ von Gareth Stedman Jones, S. Fischer Verlag, 896 Seiten, 32 Euro.

„Marx. Der Unvollendete“ von Jürgen Neffe, C. Bertelsmann Verlag, 656 Seiten, 28 Euro.

„Karl Marx“ von Rolf Hosfeld, Pantheon Verlag, 272 Seiten, 15 Euro.

Jürgen Feldhoff

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