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Kultur im Norden Katja Benrath aus Lübeck hat den Studenten-Oscar gewonnen
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06:00 21.10.2017
Katja Benrath aus Lübeck hat den Studenten-Oscar gewonnen. Quelle: Gateau/dpa
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Lübeck

Aber es ging nicht um Details, es ging um das große Ganze. Es ging um den Studenten-Oscar, den sie gewonnen hatte. Das wollte der Mann ihr sagen. Es war Mitte September, und als sie dann am 12. Oktober in Los Angeles auf der Bühne stand, im feierlichen Rahmen mit all den anderen Gewinnern und all der Aufregung, da war es sogar der Studenten-Oscar in Gold.

Die Auszeichnung ist der vorläufige Höhepunkt einer Reise, die beim genauen Betrachten etwas sehr Folgerichtiges hat. Katja Benrath stammt aus Stockstadt, einer Kleinstadt bei Aschaffenburg am Main. Mit neun Jahren zog sie nach der Trennung der Eltern mit ihrer Mutter nach Lübeck und hat dann „das ganze Lübecker Programm“ mitgemacht. Sie besuchte das Katharineum, segelte im Optimisten auf der Wakenitz, gewann – als Unterfränkin – zweimal den plattdeutschen Vorlesewettbewerb, spielte viermal die Maria beim niederdeutschen Krippenspiel in der Aegidienkirche und brachte mit anderen ein Musical auf die Bühne.

Mit "Watu Wote" hat sie gewonnen

Nach dem Abitur 1999 machte sie eine Schneiderlehre, nähte für die Tanzlegende Pina Bausch und studierte in Wien am Konservatorium Schauspiel und Gesang. 2014 wechselte sie nach Hamburg an die Media School und machte dort im vorigen Jahr ihr Masterexamen. Ihre Abschlussarbeit hieß „Watu Wote“, ein Film über eine wahre Begebenheit, etwa 20 Minuten lang und das Werk, für das sie den Studenten-Oscar erhielt (siehe rechts).

Katja Benrath hatte die Geschichte aus dem Jahr 2015 auf der Internetseite der BBC entdeckt. Sie war auf der Suche nach einem Stoff für ihre Abschlussarbeit und habe sofort gewusst, dass sie das verfilmen musste, sagt sie. Wobei sie natürlich nicht allein war, solche Projekte werden an der Media School immer im Team gemacht. In diesem Fall waren das Julia Drache (Drehbuch), Felix Striegel (Kamera) und Tobias Rosen (Produktion).

Dreharbeiten in Kenia

Sie sind im Frühjahr 2016 nach Kenia geflogen und haben recherchiert. Sie haben dort Partner gesucht, Schauspieler und eine Crew. Sie waren Wochen und Monate dort, haben schließlich anderthalb Wochen gedreht, und es gab genügend Momente, in denen alles mehr als verfahren schien: Man hatte ihnen die Kamera gestohlen, zwei Tage vor Drehbeginn. Ein Generator fiel aus in der Nacht, als sie dringend Licht brauchten. Am letzten Drehtag wurde der Hauptdarsteller verhaftet und musste von seinen in Kenia sehr bekannten Kollegen aus dem Gefängnis befreit werden. Und wenn bei 120 Menschen in der Wüste plötzlich das Trinkwasser knapp wird, wird man auch nicht ruhiger.

Aber sie haben es geschafft. Sie haben den Film fertig bekommen, und er ist ihnen großartig gelungen. Sie waren mit ihm auf Festivals in Südafrika und Simbabwe, und er hat jeweils den Preis als bester afrikanischer Film bekommen. Sie werden jetzt weiter mit ihm unterwegs sein, wieder in Afrika, aber auch in Kyoto und Katar, auf Mallorca, in Deutschland.

Studenten-Oscar als Türöffner

Katja Benrath hat vorher andere Kurzfilme gemacht, „Tilda“ zum Beispiel, die Geschichte einer scheuen Schneiderin. Gedreht hat sie mit dem Lübecker Schauspieler Gerhard Olschewski und zum Teil in der Travemünder St. Lorenz-Kirche. „Wotu Wate“ ist ihr bisher längster Film, und mit dem Studenten-Oscar jetzt ist sie nicht nur für die erste Runde im eigentlichen Oscar-Rennen qualifiziert, er ist auch ein Türöffner für andere Projekte.

Preise – und sie hat viele Preise gewonnen – seien schön, sagt sie. Vor allem aber seien sie „die Währung“ in der Branche, die man brauche, um gesehen zu werden. Es hätten sich jetzt viele interessante Kontakte und Gespräche ergeben, gerade auch in Los Angeles, und mit der Verfilmung des dänischen Jugendbuchs „Pferd, Pferd, Tiger, Tiger“ sei das nächste Projekt schon konkret. Da werde nun am Buch gearbeitet. Und sie werde auch Komödien machen, „ganz sicher“, denn auch in Komödien gerieten Menschen in Grenzsituationen.

Eine Lehrstunde in Solidarität

„Watu Wote“ spielt im Norden Kenias, wo Somalia nicht weit ist und der Terror der islamistischen Al-Shabaab-Milizen die Region zum verminten Gelände macht. Eine Christin steigt in einen Bus und will nach Mandera, einer Provinzhauptstadt. Islamisten haben ihren Mann und ihr Kind getötet, sie sitzt am Fenster und starrt hinaus. Busse werden in dieser Gegend von der Polizei begleitet, aber deren Auto bleibt liegen. Der Bus fährt ohne Schutz weiter. Und dann sind die Milizen plötzlich da, mit Maschinengewehren im Anschlag und dem Blick voller Hass.

Christen und Muslime sollen sich getrennt draußen aufstellen, brüllen sie. Sie drohen und fuchteln, sie halten die Mündung ihrer Gewehre dicht vor die Stirn. Aber keiner sagt ein Wort. Niemand aus dem Bus regt sich. Sie schweigen, und mit ihrem Schweigen schützen sie die anderen. Es ist eine Lehrstunde in Solidarität, ein Hochamt des Mutes und der Menschlichkeit mitten in der kenianischen Einöde. Dann kommt Hilfe, die Terroristen fliehen, erschießen aber noch einen Lehrer aus dem Bus, der wenige Wochen später stirbt. Katja Benraths Film ist ein Meisterwerk. Knapp, eindringlich, mit Bildern, die man so schnell nicht vergisst.

Von Peter Intelmann

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