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Kein falscher Respekt vor einem Klassiker

Lübeck Kein falscher Respekt vor einem Klassiker

Hinreißendes Konzert des Schleswig-Holstein Festival Orchester mit Werken von Beethoven und Prokofieff in der Lübecker MuK.

Lübeck. Als SHMF-Intendant Christian Kuhnt sich zu Beginn des Konzerts vor das Festivalorchester in der Musik- und Kongresshalle stellt, befürchtet man im Publikum eine Absage. Keine Sorge, er lässt nur wissen, dass die Musikerinnen und Musiker aus 26 Nationen, die auf der Bühne Platz genommen haben, die besten seien, die sich bei Castings in aller Welt stellten. Und: Dass darunter niemand sei, der schon geboren war, als die Orchesterakademie gegründet worden sei – vor genau 30 Jahren.

 

LN-Bild

Das Festivalorchester in der Musik- und Kongresshalle: 120 hochtalentierte Musikerinnen und Musiker aus 26 Nationen, niemand ist älter als 26 Jahre. Solistin Baiba Skride (r.) ist mit 36 Jahren auch noch sehr jung.

Quelle: Foto: Felix König

Das Jubiläum ist Anlass für den kurzen Auftritt Kuhnts. Er verspricht ein engagiertes Konzert, wovon man sich schnell überzeugen kann. Das Festivalorchester beginnt unter der Leitung von Michael Sanderling zwar zart und verhalten wie es sich gehört im Allegro von Beethovens Violinkonzert. Um dann aber mit einem frischen, jubilierenden Klang aufzuwarten. Die Tongebung entspricht ganz der Spielweise der Solistin: Die aus Lettland stammende, in Hamburg lebende Biba Skride wirft sich so geschmeidig wie energisch in Beethovens Virtuosenstück – und ohne falschen Respekt vor dem Klassiker.

Als majestätisch wird gemeinhin das Thema des ersten Satzes bezeichnet, doch heroisch ist in der Interpretation Sanderlings allein die unter strenger Disziplin gehaltene Verve. Der Einsatz von Natur- statt Ventiltrompeten nimmt den auftrumpfenden Takten etwas Glanz. Glänzend aber die Kadenzen der Solistin, die dabei mit ein paar Zaubereien aufwartete. Rauschender Beifall.

Im zweiten Konzertteil kann Sanderling mit einer Mammutbesetzung in Sergei Prokofieffs „Romeo und Julia“-Suite eintauchen. Doch auch das vergrößerte Orchester bleibt schlank im Ton, selbst bei den großen Schlachtgesängen dieses Werks von 1936 und beim Donner und Doria bis an der Rand der Tonalität. Als Rauswerfer gibt es noch Hochgeschwindigkeitssinfonik: den „Säbeltanz“ von Aram Chatschaturjan.

Wer das Festivalorchester seit Jahren verfolgt, muss beeindruckt sein – davon, dass es der von Leonard Bernstein 1987 gegründeten Orchesterakademie und ihren Dirigenten in jedem Jahr gelingt, ein hinreißend musizierendes Ensemble zu bilden. Die nächste Möglichkeit, dies zu überprüfen, ist das Jubiläumskonzert am 20. August am Standort des Orchesters in Rendsburg-Büdelsdorf. Chefdirigent Christoph Eschenbach studiert Werke von Milhaud und Messiaen mit den U-26-Musikern ein.

mib

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