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Kultur im Norden „Keine Unschuldsvermutung für Gurlitt“
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19:12 27.06.2017
Werke aus dem „Schwabinger Kunstfund“ werden in der Bundeskunsthalle Bonn ausgepackt. Hier das Blatt „Männlicher Akt“ von Francois Boucher (1703-1770). 1566 Kunstwerke waren 2012 bei Cornelius Gurlitt (1932–2014), Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, endeckt worden. Quelle: Fotos: Dpa
Bonn

. Völlig verschimmelt fanden die Restauratoren das 1903 entstandene Gemälde „Waterloo Bridge“ von Claude Monet vor fünf Jahren im Salzburger Haus von Cornelius Gurlitt vor. Nun hängt das blassblaue Werk von letzten Sporen befreit im schwer gesicherten Depot ganz tief im Keller der Bundeskunsthalle Bonn.

Die Sammlung von Hitlers Kunsthändler ist voller Rätsel. In Bonn werden einige Werke ausgestellt.

Im kommenden November wird es als eines von 255 Kunstwerken aus dem spektakulären Schwabinger und Salzburger Kunstfund in der Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“

gezeigt. Der millionenteure Monet steht exemplarisch dafür, welche Probleme Forscher bei der Klärung der Herkunft der über 1500 Werke aus dem Gurlitt-Fund haben. Denn Teile der Sammlung stehen im Verdacht, in der Zeit des Nationalsozialismus ihren jüdischen Besitzern geraubt oder „NS-verfolgungsbedingt entzogen“ worden zu sein.

Monets „Waterloo Bridge“ befand sich einst im Besitz von Gurlitts Vater Hildebrand Gurlitt, der einer der Kunsthändler Adolf Hitlers war. 1923 bekam Hildebrand Gurlitt das Monet-Gemälde als Hochzeitsgeschenk von seiner Mutter. So stehe es jedenfalls auf der Rückseite eines 1938 entstandenen Fotos des Monet-Gemäldes, sagt die Kunsthistorikerin Meike Hopp. 1938? Da wird sie hellhörig.

„Warum hat Hildebrand Gurlitt ausgerechnet 1938 auf das Foto den angeblichen Herkunftsnachweis geschrieben?“

Allein bei 200 Werken, die im November in Bonn gezeigt werden, besteht nach Angaben der Kuratoren der Ausstellung NS-Raubkunstverdacht. „Für Hildebrand Gurlitt gibt es keine Unschuldsvermutung“, sagt Lukas Bächer aus dem Kuratorenteam. Zwar wurden konkret erst sieben Werke aus der Sammlung als Raubkunst identifiziert und zum Teil an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Aber bei Hunderten weiteren Arbeiten, die noch untersucht werden müssen, ist ein Raubkunstverdacht nicht auszuschließen.

Oft aber können die Forscher die letzten Lücken in dem Puzzle nicht füllen, vor allem, wenn sie die Rätsel um jene Bilder lösen wollen, die Hildebrand Gurlitt in den 1940er Jahren in Frankreich erwarb, das damals von den Nazis besetzt war. Da ist zum Beispiel ein weiblicher Rückenakt von Aristide Maillol. Hildebrand Gurlitt hatte die Rötelzeichnung spätestens 1944 bei dem Pariser Händler Raphael Gérard erworben. Wem aber gehörte das Bild vorher? War es einer jüdischen Familie oder einem Sammler geraubt worden? Manchmal ist es nur noch der Hauch einer Beschriftung auf der Rückseite eines Kunstwerks, den die Wissenschaftler mit moderner Technik versuchen zu entziffern, um neue Spuren zu bekommen.

Ebenso unklar ist, woher die großartige Marmorskulptur „Kauernde“ von Auguste Rodin kam, die Hildebrand Gurlitt um 1940 in Frankreich erworben hatte. „Die Übergänge sind nicht immer klar“, sagt Bundeskunsthallen-Intendant Rein Wolfs. Hildebrands Sohn Cornelius muss die Skulptur geliebt haben, sie stand auf der Anrichte seiner Münchner Wohnung.

Cornelius Gurlitt hortete auch das allein 19 Umzugskisten umfassende Archiv seines Vaters. Rund 10000 Seiten umfasst die Korrespondenz von Hildebrand Gurlitt – Schriftstücke, Urkunden und sogar Geschäftsbücher sind darunter. Hinzu kommen rund 5000 Fotos. Eigentlich ein Glücksfall für Forscher. Allerdings fehlt nach Angaben von Meike Hopp seltsamerweise sämtliche Korrespondenz vor 1945, auch die Geschäftsbücher seien äußerst lückenhaft.

Als privilegierter Kunsthändler hatte der schillernde Hildebrand Gurlitt auch Zugang zum Beschlagnahmedepot in Berlin-Niederschönhausen, wo die von den Nazis 1937 in den Museen konfiszierten Kunstwerke gelagert wurden. Einen Teil der von Gurlitt legal erworbenen „entarteten Kunst“ wird das Kunstmuseum Bern zeitgleich zu Bonn ab Anfang November präsentieren. Einen rechtlichen Anspruch auf Rückgabe haben die betroffenen Museen nicht. Der 2014 gestorbene Cornelius Gurlitt hatte seine Sammlung dem Kunstmuseum vermacht.

Das große Bonn-Berner Doppelprojekt „Bestandsaufnahme Gurlitt“ soll ab September 2018 im Berliner Martin-Gropius-Bau präsentiert werden und dann auf weltweite Wanderschaft gehen.

Bundeskunsthallen-Intendant Wolfs hofft, dass durch die öffentliche Ausstellung weitere offene Fragen beantwortet werden.

Eine Frage der Herkunft

Die Gurlitt-Sammlung beinhaltet 1566 Objekte. Die Herkunft der Werke wurde von der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ und vom Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“ erforscht. Bei zwei Dritteln stehen die abschließenden Forschungsergebnisse noch aus.

Die Taskforce klärte 573 Werke. Davon sind fünf Kunstwerke nachweislich NS-Raubkunst, zwei Werke werden trotz Lücken der NS- Raubkunst zugeordnet . Nur vier Werke werden als unverdächtig eingestuft, 53 Stücke als Massenware (z.B. Kalenderblätter). 278 Werke sind Familienbesitz, 231 wurden der „entarteten Kunst“ als unbelastet zugeordnet, das heißt, sie kamen vor 1933 in den Besitz der jeweiligen Museen und wurden 1937 von den Nazis beschlagnahmt.

Das Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“ bearbeitet 1039 Werke, erst zu 61 Objekten stehen abschließende Ergebnisse fest: Bei 29 ist die Provenienz nicht eindeutig geklärt, 32 Werke sind keine Raubkunst.

Dorothea Hülsmeier

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