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Kennen Sie Klaus Groth?

Heide Kennen Sie Klaus Groth?

Er hat Plattdeutsch in der Literatur salonfähig gemacht. Heute zählt Klaus Groth eher zu den Unbekannten. Das sanierte Heider Groth-Museum will das ändern.

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1914 eröffnet: Das Klaus-Groth-Museum (M.) auf der Heider Museumsinsel in der Straße Lüttenheid. Das Gebäude wurde 1796 errichtet.

Heide. Heide. Er war ein Star, ein Dichter mit Verbindungen in höchste Kreise. Die Kaiserin schickte ein Telegramm zu seinem 70. Geburtstag. Aber schon bald nach seinem Tod ging die Geschichte über ihn hinweg. Heute zählt Klaus Groth zu den großen Vergessenen, zu den Schattenfiguren der deutschen Literatur. Zu Unrecht, sagt man in seinem Museum in Heide und hat nach fünf Jahren Umbau und Sanierung jetzt mit einer völlig überarbeiteten Ausstellung wieder eröffnet.

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Er hat Plattdeutsch in der Literatur salonfähig gemacht. Heute zählt Klaus Groth eher zu den Unbekannten. Das sanierte Heider Groth-Museum will das ändern.

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Klaus Groth ist in dem Haus am Rande der Innenstadt 1819 zur Welt gekommen. Die Familie betrieb eine Mühle, die Welt seiner Kindheit war die der Handwerker und der kleinen Leute. Die Decken sind niedrig in dem alten Gemäuer aus der Zeit kurz nach der Französischen Revolution und die Räume klein. Es gab kein Bad, keine Toilette, nur einen einzigen Ofen. Und es ist eine erstaunliche Geschichte, wie Klaus Groth aus dieser eng umstandenen Lüttenheid-Welt herausfand, und Johannes Brahms kommt auch darin vor.

Groth war das, was man hochbegabt nennt, sagt Museumsleiterin Telse Lubitz. Er las, er hörte zu, er hielt die Augen offen und machte sich die Welt aus eigener Kraft zu eigen. Aber vorerst reichte es nur zur Lehrerstelle an einer Heider Mädchenschule. Er hatte mehr vor, brach zusammen, körperlich wie seelisch, auch nach einer sehr traurigen Liebe, und machte sich 1847 auf zu seinem Freund Leonhard Stelle nach Fehmarn.

Das waren die entscheidenden Jahre. Das war die Zeit, in der Groth 1852 eine Gedichtsammlung veröffentlichte, ein Kompendium niederdeutscher Verse, das er „Quickborn“ nannte und das aus einem namenlosen Dithmarscher Müllerssohn einen weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannten Schriftsteller machte. Bis zur Jahrhundertwende sollte „Quickborn“ 30 Auflagen erleben. Es wurde landauf, landab gelesen, auch in Belgien und Skandinavien. Und wenn die Leute von „dat Book“ sprachen, dann wusste man ziemlich sicher, was gemeint war.

Groth hatte einen langen Anlauf genommen, aber jetzt machte er auch einen gewaltigen Sprung. Er zog nach Kiel, wurde Ehrendoktor in Bonn und Professor in Kiel. Er veröffentlichte weiter, auch auf Hochdeutsch, meist jedoch auf Platt. Er wurde eingeladen zu Vorlesungen nach Oxford und Leiden. Er wurde von Wilhelm II. empfangen und war Gast bei Queen Victoria auf Schloss Windsor. Und zu seinem Tod, schreibt Bernd Rachuth als Vorsitzender der Klaus-GrothGesellschaft, war er der am häufigsten porträtierte Schriftsteller des 19. Jahrhunderts.

„Quickborn“ war das Buch der Stunde. „Es hatte den Nerv der Zeit getroffen“, sagt Telse Lubitz. Es war der überaus geglückte Versuch, dem Niederdeutschen in der Literatur zu seinem Recht zu verhelfen. Groth wollte zeigen, dass man auf Platt genauso ernsthaft und tief über das Leben, den Tod und den ganzen Rest schreiben konnte wie auf Hochdeutsch. Außerdem fiel das Buch in eine Zeit, in der die Menschen zwischen den Meeren sich gegen die dänischen Mächte zu behaupten suchten. Es gab ihnen Stolz und Heimat gleichermaßen, und Groth verstand sein Buch durchaus als patriotische Tat.

Ein Buch im Übrigen, das auch Johannes Brahms in die Hände fiel, dem in Hamburg auf die Welt gekommenen Komponisten, dessen Großelternhaus in Heide stand, nur wenige Schritte neben dem der Groths.

1856 lernten sie sich auch persönlich kennen und blieben Freunde ihr Leben lang. Brahms vertonte Gedichte von Groth, die Regenlieder sind darunter und der Heimweh-Zyklus. Und als er im Sterben lag, bat er den Freund um Erinnerungen an Lüttenheid, die kleine Welt in Heide.

Groth war auch befreundet mit Theodor Storm, dem anderen großen norddeutschen Dichter dieser Zeit. Er pflegte Kontakte mit Friedrich Hebbel und Gottfried Keller. Aber wo Storms „Schimmelreiter“ immer wieder mal verfilmt wird und Hebbel nach wie vor auf deutschen Theaterspielplänen steht, so Telse Lubitz, geriet Groth bald nach seinem Tod in Vergessenheit.

Zuletzt hatte das Museum 4500 bis 5000 Besucher jährlich. Aber das sollten nun mehr werden, sagt die Direktorin. Man erhoffe sich einen Schub. „Hier gab es etwas ganz Tolles. Und es ist auch heute noch spannend, sich damit auseinanderzusetzen.“

Fünf Jahre saniert

520000 Euro hat die fünf Jahre dauernde Sanierung des Klaus-Groth-Museums alles in allem gekostet.

In der vorigen Woche wurde das von der Stadt Heide betriebene Haus neu eröffnet.

Die Ausstellungsräume sind übersichtlich gestaltet. Es gibt u. a. plattdeutsche Hörproben, ein Gespräch zwischen Groth und Johannes Brahms und einen Touchtisch, der nach Art eines Tablets eine Fülle von Dokumenten zugänglich macht. Das Museum hat bis auf Montag jeden Tag geöffnet.

Klaus Groth (1819-1899) hatte mit seiner Frau Doris vier Söhne und eine tot zur Welt gekommene Tochter. Er ist Ehrenbürger von Heide und von Kiel. Auf dem Südfriedhof der Landeshauptstadt liegt er auch begraben.

Von Peter Intelmann

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