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Kultur im Norden Ein Showgirl mit Tiefgang
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17:44 29.08.2018
Lang erwartet: Die Hamburgerin Kiddo Kat veröffentlicht ihr erstes Album. Quelle: Niculai Constantinescu
Hamburg

„Piece of Cake“ hat Kiddo Kat ihr neues Album genannt, und sie legt Wert darauf, dass das im Deutschen nicht nur „Kuchenstück“ heißt, sondern auch „Kinderspiel“ oder „einfache Übung“.

Als Ausdruck eines spielverliebten Gemüts will Kiddo Kat nicht nur ihr Pseudonym verstanden wissen, sondern auch ihren Musikstil. Doch reduziert man sie auf die kindliche Attitüde, wird man dieser jungen Frau nicht gerecht. Denn ihr Repertoire beschränkte sich nicht auf simple Popsongs; ihre Stücke sind eher groovende Suiten, die sie inszeniert als Geschichten aus ihrem Leben.

Im Eröffnungssong „Behave“ geht es um das Ausbrechen aus Konventionen. Alles, was die Sängerin will, ist wild leben, sie selbst sein, auch Fehler machen. Darf man das als Bekenntnis von Kiddo Kat verstehen? „Vermutlich“, sagt sie, die als Anna Guder in Berlin geboren und aufgewachsen ist, abwägend. „Ich erarbeite ja alles selber – meine Musik, meine Botschaft, auch mein Image. Wenn ich mich jetzt stärker zum Pop hin orientiere und die Funk-Rhythmen in den Hintergrund treten, dann habe ich das selbst entschieden, nicht jemand anderes.“

Wenn sie auf der Bühne Star-Allüren zeige, sei auch das authentisch. Die Pointe des Songs „Behave“ besteht darin, dass diejenigen, die ihr einst dringend empfohlen haben, endlich erwachsen zu werden, jetzt vor ihr an der Rampe stehen und brav die Arme schwenken, wenn sie es von der Bühne herab befiehlt. Ein beiläufiges „Fuck!“ gilt in dieser im Stakkato vorgetragenen Selbstbehauptung den nervigen Mahnern aus der früh vergreisten Erwachsenenwelt. Bei ihren Auftritten erlebt man sie als hinreißendes Showgirl mit der Flying-V-Gitarre von Gibson im Anschlag und Pogo tanzendem blondem Pferdeschwanz. Braucht sie bei all dem Talent noch dieses mädchenhafte Pseudonym Kiddo Kat? „Anna Guder klingt eben nicht funky“, sagt sie.

On Tour

Kiddo Kat, 1990 als Anna Guder in Berlin geboren, kam 2013 nach Hamburg, um dort an der Musikhochschule den Kontaktstudiengang „Pop“ zu belegen. Seither lebt sie an der Elbe. Ein Video mit ihr, Heidi Joubert und dem Rapper Ozzy Lino aus Malta aus der Frankfurter S-Bahn ging 2016 um die Welt (www.youtube.com/watch?v=XF6shrBX4L8). Dafür erhielt sie in Düsseldorf den „New Faces Award“, den die „Bunte“ für Nachwuchstalente auslobt.

Tournee zum Album „Piece of Cake“: 8. 10: Neues Schauspiel, Leipzig; 9. 10.: Rosenhof, Osnabrück; 15. 10.: Lux, Hannover. Mit Michy Reincke: 2. 12.: Metro-Kino, Kiel; 9.12.: Stadttheater Elmshorn; 21. bis 23. 12.: Schmidts Tivoli, Hamburg

Um eine Erfahrung ist sie nun reicher: „Ein Debut-Album aufzunehmen, ist kein Piece of Cake.“ Kiddo Kat hat vor zwei Jahren ein Crowdfunding gestartet, mit 20 Euro Vorschuss auf das Album konnte man dabei sein. „Damit wurden drei Nummern finanziert, die Kosten für die übrigen neun Songs musste ich selbst zusammenkratzen.“ Schon die Produktion ihrer EP „Why Am I So Funky?!“ zuvor habe ihr Sparschwein nicht überlebt, obwohl ihre vierköpfige Band auf die Bezahlung verzichtete.

In den vergangenen Tagen fanden diejenigen, die das Album vorfinanziert hatten, den Tonträger in ihrer Post, eigenhändig unterschrieben von der Musikerin. Dass so viele zur Vorauszahlung bereit waren, lag sicherlich auch daran, dass Kiddo Kat im Sommer 2016 einen Moment lang ein Youtube-Superstar war: Jemand hatte sie und die südafrikanische Cajón-Trommlerin Heidi Joubert mit dem Smartphone gefilmt, als sie gemeinsam in einer Frankfurter S-Bahn „Kiss“ von Prince aufführten.

„Ich muss dankbar sein, dass das Internet mir eine solche Fanbase beschert hat“, sagt sie heute. Dennoch bleibt sie misstrauisch gegenüber den Sozialen Medien. „Ich weiß, dass die Prominenz, die man da erreicht, eine flüchtige ist, dass man da auch schnell wieder vergessen wird”, räumt sie ein. Diese Skepsis scheint auch durch bei ihrem Song „Just Kidding“: Er karikiert die Oberflächlichkeit des Konsums und des „Fake-Business im Netz“, wie sie sagt. Auch darin unterscheiden sich die Songs der Kiddo Kat von gängiger Pop-Lyrik: Sie bestehen eher aus Lebensberatung als aus Liebesbeschwörungen.

Wie das üblich ist nach Album-Veröffentlichungen wird Kiddo Kat jetzt mit ihrer Band auf Tour gehen. Und zum Jahresende wird sie in Hamburg, Kiel und Bremen neben einem Mann aus einer ganz anderen Generation auftreten: neben dem Pop-Barden Michy Reincke (58, „Taxi nach Paris“). Kiddo Kat tritt dabei als Solistin auf, begleitet sich selbst auf der Gitarre. „Das macht mir besonderen Spaß, denn ein Teil von mir ist immer noch die Straßenmusikerin, die damals in Frankfurt in der S-Bahn ,Kiss‘ gesungen hat.“

Michael Berger

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