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Kinder der Sauna

Lübeck Kinder der Sauna

Regisseur Marco ŠŠtorman gelingen in seiner Gorki-Inszenierung am Theater Lübeck eindrückliche Bilder. Doch die Geschichte, die er erzählen will, verdampft im Skurrilen.

Eine unheimliche Gestalt belauert die gute Gesellschaft, die sich in einem Pavillon mit angeschlossener Sauna vergnügt.

Quelle: Falk von Traubenberg

Lübeck. So spektakulär der Auftritt des Ensembles für einen Moment anmutet, so schleppend geht es ins Drama hinein. Der Auftakt von „Kinder der Sonne“ gleicht zunächst der Schau eines russophilen Modemachers. Exzentrische Pelzmützen zu güldener Badekleidung sind beim Einlaufen der Schauspieler zu sehen, dazu Fuchs-Stolen und Zobeljäckchen, dass Peta-Aktivisten ihre Freude hätten. Selbst der Tolstoi-Bart der Hauptfigur könnte als Distinktionsmerkmal eines dieser großstädtischen Nerds gelten, die in der Medien- und Digitalwirtschaft den Ton angeben.

LN-Bild

Regisseur Marco Štorman gelingen in seiner Gorki-Inszenierung am Theater Lübeck eindrückliche Bilder — Doch die Geschichte, die er erzählen will, verdampft im Skurrilen.

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Doch als dieser Mann — die Füße in einem Pool am Rand der Bühne — dann den Mund öffnet, kommt erst einmal nicht heraus. Dann Ähs und Hmms — in seinem Kopf scheint es zu dampfen wie in der Sauna, die im Hintergrund zu ahnen ist. Man sieht zu bei der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Schwitzen. Er wisse und sehe voraus, bricht es dann aus diesem Pawel Protassow heraus, „dass der Mensch Herrscher über alles sein wird! Alles, was wird, gestaltet sich harmonischer“, und so weiter. Nun ja: In seiner Nähe versucht sich ein gewisser Boris im Pool zu ertränken, hinten im Pavillon wird viel geraucht und in die Ferne gestiert, Protassow aber beharrt: „Wir Kinder der Sonne.“

Diese Gesellschaft hat nur noch bedingt mit der zu tun, die Maxim Gorki in seinem Stück von 1905 geschaffen hat. Was im Original eine Villa voll (männlicher) Künstler und Intellektueller ist mit (weiblichem) Zuckerrand, ist in der Version von Regisseur Marco ŠŠtorman eine Ansammlung von Nichtsnutzen, die über das Leben räsonieren und sich dabei gegenseitig den Hof machen. ŠŠtorman hat eine solche Abwertung vor vier Jahren bereits am Personal aus „Anna Karenina“ vorgenommen, die adlige russische Gesellschaft Tolstois ließ er in einem Hinterhof hausen. Das Ergebnis bei „Kinder der Sonne“: Man sieht einer skurrilen Gemeinschaft bei grotesken Interaktionen zu. Es gelingen durchaus eindrückliche Bilder. Zum Beispiel, wenn Protassow rauchend und wie abwesend dasteht, seine Frau sein nacktes Bein umfasst und die am Boden liegende Protassow-Verehrerin Melanija sich an die Konkurrentin presst — alle klammern sich aneinander und niemand versteht den Nächsten.

Die Schauspieler lassen sich ganz auf diese Figuren ein. Insbesondere Jan Byl als Protassow — ein weltabgewandter Mensch, der nicht einmal stutzig wird, als neben ihm in der Sauna seine Unglücksfrau Jelena (Marlène Meyer-Dunker) vom Maler Wagin (Timo Tank) sexuell belästigt wird. Die aufs Sinnliche abonnierte Astrid Färber stellt auch hier eine erotisch aufgeladene Figur dar: Ihre Melanija schafft virtuos den Spagat zwischen inzestuösem Körperkontakt mit ihrem Bruder, dem haltlosen Zyniker Boris (Will Workman), und der demütigen Verehrung für Protassow. „Ich will dein Hund sein“, schmachtet sie ihn an und wackelt dazu kokett mit dem Hintern.

ŠŠtorman hat einige Figuren aus dem Orbit des Gorki-Kosmos gestrichen und eine hinzuerfunden. Im Programmheft heißt sie Mischa, auf der Bühne tritt sie als schwarzgekleideter junger Mann mit einer merkwürdigen Innenwellenfrisur auf. Moritz Löwe spielt diesen ungebetenen Gast meist grinsend und umso unheimlicher.

Irgendwann hört man Stimmen von draußen. Offenbar eine Demonstration, von der die Saunagäste zunächst keine Notiz nehmen. Auch nicht, als dieser Mischa den Pavillon mit dem Bild von Menschen hinter Stacheldraht tapeziert — alles Doppelgänger des jungen Mannes. Es fließt noch Blut, und die Gesellschaft verbarrikadiert sich dann doch gegen Eindringlinge. Aber Pawel Protassow verkündet auch dann noch seine Botschaft vom Beginn: Alles wird gut.

Was für die Inszenierung nur teilweise gilt. Der erklärte Wille des Regisseurs war, dass sich das Publikum in dieser Sauna-Gesellschaft wiedererkennt (dafür müsste sie spießiger sein). Und dass sie als Gemeinschaft am Rande des Abgrunds erscheint. Dagegen wäre einzuwenden: Seit Gorkis Zeiten mag das Bürgertum gelegentlich etwas abgerutscht sein, aber es hat sich bis heute gehalten. Sein Ende ist auch weiter nicht abzusehen.

Vorahnung einer Umwälzung

Maxim Gorki (1868-1936 ) hat „Kinder der Sonne“ 1905 geschrieben, als er in der Petersburger Peter-und-Paul-Festung inhaftiert war. Er hatte gegen den Einsatz der zaristischen Militärs protestiert, die tausende Demonstranten niedergemetzelt hatten. Das Ereignis ging als „Petersburger Blutsonntag“ in die Geschichte ein. Das Stück ist von der Vorahnung einer Umwälzung geprägt. Eine gutbürgerliche Gesellschaft, deren Mittelpunkt der Chemiker Protassow ist, ist mit sich selbst beschäftigt, während sich um sie herum ein Pulverfass bildet. Nur Protassows Schwester Lisa, die als verrückt gilt, warnt vor dem Volksfuror: „Der Hass unter den Millionen wächst (...). Eines Tages wird sich ihre Wut gegen euch kehren. (...) Der Hass ist blind, aber ihr seid gut zu sehen, er wird euch finden!“

Weitere Vorstellungen in den Kammerspielen des Theaters Lübeck: heute 18.30 Uhr; Do., 7. April, 20 Uhr; So., 10. April, 16 Uhr.

Von Michael Berger

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