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„Kinder müssen singen“

Lübeck „Kinder müssen singen“

Die Wiener Sängerknaben treten morgen im Ratzeburger Dom auf. Ein Gespräch mit Kapellmeister Jimmy Chiang.

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Chorleiter und Vaterfigur für die Wiener Sängerknaben: Jimmy Chiang.

Lübeck. Herr Chiang, Sie sind seit Herbst 2013 Kapellmeister der Wiener Sängerknaben und leiten den Haydn-Chor. Was fasziniert Sie an dieser Aufgabe?

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Die Wiener Sängerknaben treten morgen im Ratzeburger Dom auf. Ein Gespräch mit Kapellmeister Jimmy Chiang.

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Jimmy Chiang: Ich komme zwar vom Orchesterdirigat und der Oper, aber als Vater von zwei Jungen kann ich gut mit Kindern umgehen und fand es eine interessante Herausforderung, mit jungen, talentierten Kindern zu arbeiten. Die wahre Faszination geht jedoch von der unglaublichen Professionalität, vom staunenswerten Können dieser Jungen aus. Man muss sich eben immer wieder vergegenwärtigen, dass diese kleinen Sänger musikalisch hochbegabt sind – nicht zufällig gingen ungezählte prominente Musiker und Komponisten aus dem Chor hervor, darunter auch Franz Schubert.

Sind Sie eher musikalischer Leiter, Löwenbändiger oder Beichtvater?

Jimmy Chiang (lacht): Von allem etwas. Jungen in dem Alter brauchen eine männliche Identifikationsfigur. Wenn man im künstlerischen Umfeld miteinander arbeitet, braucht man eine gute Beziehung, die ich ihnen hoffentlich sowohl musikalisch als auch menschlich geben kann. Die Zusammenarbeit funktioniert oft besser und erfolgreicher als mit Erwachsenen. Daher trenne ich nicht zwischen Vaterfigur und Chorleiter.

Was sind die Herausforderungen im Umgang mit 25 Jungs im Alter von 10 bis 14 Jahren?

Jimmy Chiang: Wenn Jungs in die Pubertät kommen, dann ist das nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihr Umfeld eine turbulente Zeit. In diesem Alter hat jeder eine eigene Meinung, die nicht immer mit anderen kompatibel ist. Die Jungs sind sehr aktiv und brauchen Motivation. Wenn wir stundenlang über Musik sprechen oder proben, verlieren sie schnell die Lust am Singen.

Dann ist es wichtig, dass ein entspannter, wertschätzender Umgang miteinander gepflegt wird. Die Jungs erleben bei uns, dass Disziplin nie ein Selbstzweck, sondern eine notwendige Voraussetzung für gutes gemeinsames Musikmachen ist. Anders als beim Erwachsenenchor brauchen die Knaben auch auf der Bühne eine feste Hand. Wenn bei einem Auftritt 25 Jungs ihr eigenes Ding machen würden, geht das schief.

Wie sieht die Ausbildung der Sängerknaben aus?

Jimmy Chiang: Die Wiener Sängerknaben bieten eine durchgehende Ausbildung vom Kindergarten bis zum Abitur. Alle leben in einem Internat, auch wenn sie in Wien wohnhaft sind. Es gibt zirka 100 junge Sänger, die auf vier Chöre aufgeteilt sind, die nach den österreichischen Komponisten Bruckner, Haydn, Mozart und Schubert benannt sind. Die Kinder gehen vormittags normal zur Schule und proben anschließend von 11 bis 13 Uhr bei mir – auch samstags. Danach gehen sie wieder zur Schule. Wenn wir in Wien sind, übernehmen wir den traditionellen Dienst in der Wiener Hofmusikkapelle bei der Sonntagsmesse. Wir machen also die ganze Woche Musik. Neben der schulischen Ausbildung absolviert jeder Chor jährlich mindestens eine mehrmonatige Konzerttournee, daher ist das Schuljahr in Trimester aufgeteilt. Jeder geht ein Trimester auf Tournee und die anderen zwei in Wien zur Schule.

Welche Anforderungen muss ein Junge erfüllen, um Mitglied bei den Wiener Sängerknaben zu werden?

Jimmy Chiang: Es gibt viele Möglichkeiten. Einer hat ein Konzert gehört, ein anderer hat einen Bericht im Fernsehen gesehen, ein Dritter etwas in einer Zeitung gelesen, und ein Vierter hat – im fernen Australien – seiner Mutter so lange in den Ohren gelegen, bis sie ihn schließlich vorsingen ließ. Idealerweise kommt ein Kind, wenn es nicht schon die Volksschule der Wiener Sängerknaben besucht, im Alter von acht oder neun Jahren zum Vorsingen. In diesem Alter kann man noch alles lernen, was man als Sängerknabe so braucht. Wenn das Vorsingen erfolgreich verläuft, wird der Kandidat zum „Schnuppern“ für eine Probezeit eingeladen, in der sich herausstellt, ob der Knabe Sängerknabe wird oder nicht. Die wichtigste Voraussetzung ist aber die Freude am Singen. Dafür reicht ein ganz einfaches Volkslied beim Vorsingen.

In den europäischen Bildungssystemen wird Musik oft zuerst aus dem Fächerkanon gestrichen. Wie wichtig ist musikalische Ausbildung?

Jimmy Chiang: Die musikalische Kompetenz vieler Kinder scheint sich heute auf das Zusammenstellen von Handy-Klingeltönen zu reduzieren. Dadurch verlieren junge Leute den Zugang zur Kultur, insbesondere zur klassischen Musik. Aber Kinder müssen singen – in Kindergärten, Schulen, Kinderchören, gemischten Jugendchören. Singen ist nicht zwangsläufig uncool – uncool ist vielleicht häufig nur die Art, wie es getan und angeboten wird.

Mit welchem Programm kommen Sie zum SHMF?

Jimmy Chiang: Das Motto heißt „Haydn auf Reisen“. Im ersten Teil gibt es geistliche Musik, nicht nur von Joseph Haydn, sondern auch von seinem Bruder Michael. Natürlich darf Mozart nicht fehlen, der sehr mit Haydn verbunden war, und andere zeitgenössische Komponisten. Außerdem gibt es ein Arrangement von Bach auf Pergolesis „Stabat Mater“. Das ist eine typische Sängerknaben-Tradition der Klassik- und Barockzeit. Im zweiten Teil gibt es eher weltliche Musik, die mit der Strauss-Polka „Auf Ferienreisen“ beginnt. Da Haydn sehr viel auf Reisen war, haben wir Werke und Volkslieder aus Ländern im Gepäck, die in seinem Leben eine Rolle spielten: Österreich, Deutschland, England, Kroatien, Tschechien und Ungarn.

Morgen, 20 Uhr, Ratzeburger Dom. Gestern gab es noch einige Restkarten ohne Sicht (10 Euro).

In Lübeck und Eutin bekannt

Jimmy Chiang wurde 1978 in Hong Kong geboren. Mit vier Jahren begann er Klavier zu spielen. Er lernte ebenso Cembalo, Orgel, Cello und Komposition. Seine musikalische Ausbildung erhielt er vor allem in England, den USA und in Wien. 2007 gewann er den „Lovro von Matacic“- Wettbewerb für junge Dirigenten.

Sein Repertoire reicht von der Wiener Klassik bis zu zeitgenössischer Musik. Seit 2013 ist Jimmy Chiang Kapellmeister der Wiener Sängerknaben, er leitet den Haydn-Chor.

Nach Schleswig-Holstein hat er eine Verbindung aus seiner Arbeit mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck bei einer Mozart Gala. Auch war er Dirigent in Assistenz bei der Produktion von Wagners Ring-Zyklus in Lübeck sowie bei den Eutiner Festspielen.

Interview: Andreas Guballa

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