Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Klagender Haydn, polternder Brandauer

Büdelsdorf Klagender Haydn, polternder Brandauer

Musik und Literatur zum Jubiläumskonzert: 30 Jahre Musikfestival mit „The Big Seasons“ in Büdelsdorf.

Voriger Artikel
SCHÖNE WORTE
Nächster Artikel
„Theater versöhnt uns mit dem Leben“

Macht aus seinem Auftritt eine Schau: Klaus Maria Bandauer (73) im Konzert „The Big Seasons“ in Rendsburg-Büdelsdorf.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Büdelsdorf. „Wenn man 30 Jahre alt geworden ist, dann hat man tiefe Wurzeln geschlagen“, hat SHMF-Intendant Christian Kuhnt vor kurzem über sein Festival gesagt. Vor 30 Jahren setzte Pianist und Dirigent Justus Frantz seine Idee um, klassische Musik und bekannte Namen des internationalen Konzertlebens im ländlichen Raum zu präsentieren. Die Musik kam zu den Menschen. Das tut sie nach drei Dekaden zwar immer noch, doch mit den kräftigeren Wurzeln ist sie auch auf einigen Bühnen stationär geworden. So musste zum Jubiläumskonzert „The Big Seasons“ ein großer Teil des Publikums anreisen – denn es fand in einer stillgelegten Gießerei in Büdelsdorf statt, dem „Kunstwerk Carlshütte“, wo die mit dem Festival verbündete Nordart- Ausstellung für neue Kunst stattfindet.

Josephs Haydns „Jahreszeiten“ standen an zwei Tagen auf dem Programm, jeweils von 15 bis 21 Uhr. Nicht nur Musik war zu vernehmen, die Aufführung stellte sich vielmehr ein Gesamtkunstwerk dar mit Texten vom Österreicher Haydn und Zeitgenossen. Der Schauspieler Klaus Maria Brandauer – auch er ein Österreicher – riss 1400 Zuschauer mit. Er streute Haydns Gedanken aus dessen Schaffensprozess ein, entnommen aus Briefen und Aufzeichnungen. Auch Texte von Goethe und Schiller waren unter den Gedichten und Einschüben, die Brandauer mit großer Geste und Stentorstimme vortrug.

Musikalisch zogen bei den Konzerten in den Gießereihallen Frühling, Sommer, Herbst und Winter vorbei. Haydn hatte dafür nicht die für Oratorien üblichen Bibeltexte als Grundlage genommen, sondern versucht, die Natureindrücke der Jahreszeiten musikalisch umzusetzen. Neben Ensembles aus Hamburg und Schleswig-Holstein (Leitung: Matthias Janz) traten die Sänger-Solisten Johanna Winkel (Sopran), Maximilian Schmitt (Tenor) und Michael Nagy (Bass) auf.

Doch erst Brandauer machte die Aufführung zu einem besonderen Erlebnis. Er ließ 200 Jahre nach dem Tod des Komponisten dessen widerstreitende Gefühle lebendig werden. Dabei wurde deutlich: Glücklich war Haydn beim Komponieren der „Jahreszeiten“ nicht immer. Der Wiener Hofbibliothekar Baron Gottfried van Swieten hatte ihn zu dem weltlichen Oratorium gedrängt. „Haben miteinand schon einmal Erfolg gehabt, mich deshalb überreden lassen“, schimpft Brandauer in der Rolle des Komponisten. „Ein Fehler? Ich weiß es nicht.“ Haydn zeigt sich empört über den Starrsinn des Barons: Sie hätten „immer mehr und mehr gestritten! Das ganze Jahr 1800 ging so dahin! Bin darüber krank geworden“, klagte Haydn. Dabei säuselte, polterte, und kicherte Brandauer vor Vergnügen.

Brandauer tritt seit über 30 Jahren bei Musikveranstaltungen auf. Vor vier Jahren trug er beim SHMF-Eröffnungskonzert in der Lübecker Musik- und Kongresshalle fulminant Ibsens Drama „Peer Gynt“ zur Schauspielmusik von Edvard Griegs vor. Als Schauspieler habe er eine ungeheure Angst vor der Musik, sagte er in einem Interview. „Diese Töne, diese Kraft! Man hat das Gefühl, es kommt ein wildes Tier daher. Dann kommen wir Schauspieler mit unseren Stimmen, die nicht so ausgebildet sind wie jene der Sänger.“ Brandauer muss sich da nicht verstecken.

Die Anfänge

Die Gründung des SHMF geht auf einen Abend im Kieler Schloss zurück: Am 5. Juli 1985 traten dort Justus Frantz und Christoph Eschenbach mit Mozarts Konzert für zwei Klaviere und Orchester auf. Altkanzler Helmut Schmidt und Schauspieler Will Quadflieg sprachen und rezitierten. Ministerpräsident Uwe Barschel wirkte bei Saint-Saëns „Karneval der Tiere“ mit. Eine musikalische Bürgerinitiative begründete das SHMF. Bundespräsident Richard von Weizsäcker eröffnete dann ein Jahr später das erste SHMF – am 29. Juni 1986 im Lübecker Dom.

Wolfgang Runge und Michael Berger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden