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Klassentreffen der Literaten nach 50 Jahren

Waischenfeld Klassentreffen der Literaten nach 50 Jahren

Vor fünf Jahrzehnten traf sich die legendäre Autorenvereinigung „Gruppe 47“ zum letzten Mal. Nun ist das kleine fränkische Städtchen Waischenfeld auf die Idee gekommen, die Literaten einfach noch einmal einzuladen. Und viele von ihnen kommen tatsächlich.

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Am Fluss gelegen: der Gasthof „Pulvermühle“ in dem kleinen Ort Waischenfeld heute.

Quelle: Foto: Dpa

Waischenfeld. Bei schönem Wetter rauschen die Ausflügler mit dem Auto oder dem Motorrad vorbei. Bei Regen ist es trist. Trotzdem oder vielleicht sogar deswegen wurde hier in der Fränkischen Schweiz vor 50 Jahren Literaturgeschichte geschrieben. Hier im Gasthof „Pulvermühle“ tagte im Oktober 1967 die „Gruppe 47“ zum letzten Mal. Ein zweitägiges Festival in der Kleinstadt Waischenfeld an diesem Wochenende (14./15. Oktober) ist der Gruppe nun gewidmet. Sofern es die Gesundheit zulasse, hätten die meisten der einstigen noch lebenden Teilnehmer ihr Kommen zugesagt, sagt die Organisatorin Karla Fohrbeck:

„Sie freuen sich alle aufeinander.“

Und es gehe den Teilnehmern immer noch um Literatur.„Jeder will lesen“, sagt die ehemalige Kulturreferentin der Stadt Nürnberg. In den Briefen und E-Mails als Rückmeldung auf ihre Einladung habe es fast immer geheißen: „Was für eine tolle Idee!“

Nicht nur die alten Kämpen der „Gruppe 47“ sind eingeladen, auch junge Autoren wie Nora Bossong. Sie sollen miteinander ins Gespräch kommen auf Podien, bei Lesungen oder im Literatencafé. Hans Magnus Enzensberger wird ebenso erwartet wie Friedrich Christian Delius und Jürgen Becker, der vor 50 Jahren in der „Pulvermühle“ den letzten Preis der Gruppe gewann.

Dass man sich einst in einem so abgelegenen Ort traf, gehörte zum Konzept der Literatenvereinigung, die offiziell ja eigentlich gar keine war. Hans Werner Richter (1908-1993) lud stets persönlich per Postkarte ein. Man wollte abseits der Metropolen sein, sich auf die Literatur, die Sprache, die Diskussion konzentrieren: engagierte Autoren, die die Erfahrung Diktatur, Krieg und Trümmer verarbeiten mussten. Namen wie Günter Grass, Heinrich Böll, Martin Walser, Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger waren die Aushängeschilder der „Gruppe 47“, an deren Treffen später auch Verleger und Kritiker teilnahmen. Sie war die Intellektuellen-Bühne der jungen Bundesrepublik schlechthin.

Warum aber kam es 20 Jahre nach der Gründung dann im Jahr 1967 in der „Pulvermühle“ zum Aus? Zunächst hatte Richter für 1968 zwar noch ein Treffen in Prag geplant, das aber wegen des Einmarsches der Ostblock-Truppen zur Niederschlagung des Prager Frühlings nicht zustande kam. Doch bereits bei früheren Treffen hatte es rumort. „Das Jahr 1968 markiert nicht zufällig den Endpunkt der ,Gruppe 47‘.

Die politischen Gegensätze zwischen den Generationen waren nicht mehr zu überbrücken, und auch ästhetisch war sie schon längst in feindliche Lager zerfallen“, sagt der Literaturkritiker Helmut Böttiger. „Im Grunde war sie ein Opfer ihres Erfolgs: Seit Ende der 50er Jahre monopolisierte sie den Literaturbetrieb, die Tagungen wurden zu Events, und viele der bekanntesten Autoren wollten sich dieser Öffentlichkeits- und Marketingmaschinerie nicht mehr unterziehen.“ Ihre Zeit sei einfach vorbei gewesen.

LN

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