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Kleines Happy End im großen Grauen

Wismar Kleines Happy End im großen Grauen

„Chika, die Hündin im Ghetto“: Kinder-Trickfilm zum Holocaust hatte in Wismar Weltpremiere — Eine Überlebende der Judenverfolgung hat das Buch geschrieben: Sie will die Erinnerung wachhalten.

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Wismar/Tel Aviv. Vor einer düsteren Kulisse aus lauter alten Koffern sitzt Batsheva Dagan zu Beginn des Films, schaut ruhig aus der Leinwand heraus ins Publikum und kündigt eine Geschichte an, die einst ein Freund erlebt habe. Dann, unmittelbar nach der Weltpremiere dieses Films „Chika, die Hündin im Ghetto“ am Mittwoch, nachdem der Applaus verklungen ist, sitzt die Neunzigjährige vor der Kinoleinwand des Landesfilmbüros Wismar, tief bewegt, mit Tränen kämpfend. „Ich bin sehr glücklich, dass ich das erleben konnte, und auch sehr dankbar.“ Es bedeute ihr ungemein viel, dass dieser Film nach ihrem gleichnamigen Kinderbuch gerade hier in Deutschland gemacht wurde, betont sie.

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„Chika, die Hündin im Ghetto“: Kinder-Trickfilm zum Holocaust hatte in Wismar Weltpremiere — Eine Überlebende der Judenverfolgung hat das Buch geschrieben: Sie will die Erinnerung wachhalten.

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Es ist die Geschichte des jüdischen Jungen Mikasch, der mit seiner Familie zur Zeit der Nazibesatzung im Ghetto aufwächst. Als die Nazis Juden den Besitz von Hunden verbieten und die Tiere deportieren, versteckt der Vater Mikaschs Hündin bei einer nichtjüdischen Bekannten. Als kurz darauf alle Juden aufgefordert werden, sich zur Deportation zu melden, rettet der Vater die Familie in ein lange vorbereitetes unterirdisches Versteck. Trotz knapper Lebensmittel können sie dort bis zur Befreiung überleben — und Mikasch trifft am Ende seine Hündin Chika wieder.

Es ist ein kurzer Animationsfilm, nur 15 Minuten lang, ein Film für Kinder vor allem. Aber er verändert ein wenig unsere Welt. Nicht nur wegen seiner kunstvollen Bildersprache, deren Details hintergründig viel Ungesagtes und Unsagbares ausdrücken. Sondern vor allem, weil damit erstmals das Thema Holocaust an kleinere Kinder herangetragen werden soll. Von der dritten bis zur sechsten Klasse, sind sich Regisseurin Sandra Schießl und Batsheva Dagan einig. Einen derartigen Film — er entstand im Hamburger Studio Trikk17 — für so junges Publikum gebe es bisher nicht, sagen beide.

Batsheva Dagan ist Überlebende der Judenverfolgung durch die Nazis und rastlos in ihrem Bemühen, die Erinnerung wachzuhalten. Beharrlich warnt sie vor den Folgen von Hass, Ausgrenzung und Gewalt und wirbt für Mitmenschlichkeit, Achtung und Toleranz. „Man hat immer die Wahl zwischen Gut und Böse. Dafür müssen Menschen aber von Klein auf lernen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden“, sagt die 90-Jährige und begründet damit, weshalb sie sich mit dem Thema schon an die Jüngsten wendet. In Gesprächen, mit Büchern — und jetzt erstmals auch mit einem Puppen-Trickfilm.

Trotz ihres Alters kommt sie noch immer regelmäßig aus Israel nach Deutschland, um mit Schülern über ihre eigene Lebensgeschichte zu sprechen. Und um mit ihnen gemeinsam Gedenkstätten wie das ehemalige Konzentrationslager in Ravensbrück nördlich von Berlin zu besuchen. Dort war sie auf dem sogenannten Todesmarsch, von Auschwitz kommend, im Frühjahr 1945 gelandet und hatte als eine von wenigen überlebt.

„Bald wird es aber keine Zeugen aus dieser Zeit mehr geben. Deshalb muss es Zeugen der Zeugen geben, die unsere Botschaft weitertragen“, sagt Dagan. Das sei auch der Grund, weshalb sie trotz aller Reisestrapazen immer wieder den Dialog suche.

Lange war ungewiss, ob das schon 2011 initiierte Filmvorhaben überhaupt umgesetzt werden kann. „Holocaust und Kindertrickfilm — das ist eine Kombination, bei der Geldgeber doch eher zurückhaltend sind. Der Film war uns aber ein Herzensprojekt. Wir haben nie aufgegeben und sind belohnt worden“, sagt Sabine Matthiesen, Leiterin der Kulturellen Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern und Geschäftsführerin des Filmbüros MV in Wismar. Fünf Monate lang war daran gearbeitet worden. In der zeitaufwendigen animierten Stop-Motion-Technik entstanden pro Tag gerade fünf Sekunden Film.

Laut Matthiesen steuerte Mecklenburg-Vorpommern 20 000 Euro als Filmförderung bei und finanzierte das Drehbuch. Mit größeren Beiträgen hätten das ZDF und das Kulturstaatsministerium dazu beigetragen, die benötigten 165 000 Euro zusammenzubekommen. Geld sei auch von Stiftungen und Sponsoren gekommen. „Nur weil alle an einem Strang zogen, konnte der Film entstehen. Er zeigt, dass man Kindern das Thema behutsam nahebringen kann.“ D. Pätzold, dpa

Die Frau mit der Häftlingsnummer 4554

Die Holocaust-Überlebende Batsheva Dagan hat die Erinnerung an die Judenverfolgung zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Vor allem junge Menschen will die Zeitzeugin aufklären. So war die heute in Israel lebende 90-Jährige in den vergangenen Jahren unter anderem in Mölln, Ratzeburg und Wismar, um Schülern ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Sie hat Gestapo, Ghetto und drei Konzentrationslager überlebt. Doch nicht Rache und Hass sind heute ihre Botschaft, sondern waches Bewusstsein, Solidarität, Wille und Lebensfreude.

„Deshalb bin ich hier“, betonte sie, „um euch zu sagen, dass die Zukunft in euren Händen liegt!“

Die Häftlingsnummer an ihrem Unterarm ist inzwischen verblasst: 4554. „Eine Glücksnummer“, sagt Batsheva Dagan heute.

LN

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