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„Kleinkarierte Mitläufer“

„Kleinkarierte Mitläufer“

Welche Reaktionen gab es auf „Hundert Jahre Heimatland?“? Zumindest keine bösen. Das könnte mich auch gar nicht irritieren, es würde mich eher anspornen. Ich bin ja eine gelernte Minderheit. Wir waren in meiner Kindheit die einzige jüdische Familie im katholischen Ravensburg, so bin ich aufgewachsen. Das prägt.

Sie schreiben, Israels Regierung müsste die Palästinenser für das erlittene Unrecht um Verzeihung bitten. Das ist doch völlig illusorisch.

 

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„Es muss mehr Druck von außen gemacht werden“: Rolf Verleger mit seinem neuen Buch.

Quelle: Foto: Lutz Roessler

Dennoch wäre es der Schlüssel. Wenn Unrecht beim Namen genannt wird, so wie in Südafrika mit den Wahrheitskommissionen, dann ist Versöhnung möglich. In Nordirland war es ähnlich. Oder nehmen Sie Deutschland und Frankreich nach dem II. Weltkrieg.

Aber wo sind heute in Israel Staatsmänner wie Konrad Adenauer und Charles de Gaulle?

Staatspräsident Reuven Rivlin finde ich nicht so schlecht. Er bemüht sich ja um Versöhnung und Zeichen, dass er auch Präsident der arabischen Bürger ist. Aber meine Hoffnung ist der Wandel im USamerikanischen Judentum. Ohne die USA überlebt Israel nicht. Und die breite Unterstützung für das, was Israel tut, die schwindet. Das ist ein zartes Pflänzchen der Hoffnung. Die Frage ist nur, ob es schnell genug wächst, um die unheilvollen Dinge im Nahen Osten zu stoppen.

Gibt es in Israel Kräfte, auf die Sie bauen könnten?

Natürlich, Außenminister Sigmar Gabriel hat ja auf seiner letzten Israel-Reise mit Vertretern etwa von Breaking the Silence und anderen gesprochen. Aber sie spielen leider in der Politik keine Rolle.

Also ist Ihr Buch mehr eine Flaschenpost, in der Hoffnung, dass sie eines Tages den Richtigen erreicht?

Nein, ich habe es ja für Deutschland geschrieben. Die Idee ist, dass die Öffentlichkeit und der eine oder andere mit politischer Verantwortung ein umfassendes Bild der Situation im Nahen Osten erhält. Ich fand es total spannend, dieses Buch zu schreiben. Über die Juden im Zarenreich etwa wusste ich gar nichts.

Bislang hat noch jede Politikergeneration auf israelischer wie palästinensischer Seite ihren Unwillen oder ihre Unfähigkeit für eine Lösung des Konflikts bewiesen.

Israel kann sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Dort ist die Siedlungspolitik die vorherrschende Ideologie. Es muss mehr Druck von außen gemacht werden, auch durch eine veränderte Haltung der EU. Zumal ja im Programm von Premier Netanjahus Likud-Partei steht, dass ein palästinensischer Staat auszuschließen sei. Die wollen kein Arrangement. Die wollen das Land, und sie sind die Stärkeren.

Sehen Sie trotzdem Chancen für eine Zwei-Staaten-Lösung?

Nein, das ist tot. Es sei denn, es gibt einen israelischen de Gaulle, der die Siedlungen im Westjordanland auflöst, so wie damals der Rückzug aus Algerien. Aber der würde sich hart am Bürgerkrieg bewegen.

Wie sehen Sie die Haltung Deutschlands in dem Konflikt?

Die deutsche Bevölkerung ist ja eher auf Seiten der Palästinenser. Das ist EU-weit so, anders als vor 30, 40 Jahren. Da hat sich seit dem Libanon-Krieg 1982 und den Massakern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila etwas geändert. Das ist für mich Anlass zur Hoffnung.

Braucht man neutrale Instanzen im Nahen Osten, etwa UN-Blauhelmsoldaten?

Die waren ja schon mal da. Aber natürlich: Sollte es eine Friedensregelung geben, bräuchte Israel Sicherheitsgarantien. Aber da muss schon viel passieren, ehe die rechten Israelis sich eine neutrale Kraft im Land gefallen lassen. Die hegen ja die größte Verachtung gegenüber dem Ausland.

Geht es tatsächlich um Religion in diesem Konflikt?

Nein, es geht um Land. Religion war immer nur draufgesetzt, von beiden Seiten.

Spüren Sie hier in Lübeck im Alltag Antisemitismus?

Nein. Ich fand die Situation meiner Eltern in den 50er, 60er Jahren bedrückend. Da hat sich niemand für sie und ihre Geschichte interessiert. Aber heute? Überall in Deutschland liegen Stolpersteine, das Leid und das Unrecht sind anerkannt – das ist doch prima. Ich lebe gerne hier. Bei Umfragen, neben wem man wohnen möchte, liegen die Juden in der Ablehnung bei vier Prozent. Das ist genau so viel wie gegen Italiener.

Sie kritisieren, dass die Abwesenheit von Kritik an Israel zur deutschen Staatsräson zählt. Aber ist diese Zurückhaltung vor dem Hintergrund des Holocaust nicht verständlich?

Natürlich. Aber man kann es auch eine kleinkarierte Mitläuferhaltung nennen. Zu sagen: Wir haben euch viel Leid zugefügt, jetzt geht mal zum Nachbarn und schmeißt den raus – das ist doch keine Moral, oder? Interview: Peter Intelmann

Info: Am 2. November (20 Uhr) stellt Rolf Verleger sein Buch in der Lübecker Buchhandlung Hugendubel (Königstraße) vor.

Ein Buch zu 100 Jahren Balfour-Deklaration

Rolf Verleger (65) war bis vor fünf Monaten Psychologie-Professor an der Universität Lübeck. Der Sohn von Holocaust-Überlebenden gehörte dem Zentralrat der Juden in Deutschland an und ist ein scharfer Kritiker Israels.

Am 2. November 2017 wird die britische Balfour-Deklaration 100 Jahre alt. Sie ist eine Grundlage für die Gründung des Staates Israel 1948. In seinem Buch (Westend Verlag) sieht Rolf Verleger in der Deklaration den Keim des Konflikts, der den Nahen Osten seit Jahrzehnten beherrscht.

LN

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