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Komische Liebeserklärung an die Welt der Bühne

Hamburg Komische Liebeserklärung an die Welt der Bühne

Am Ohnsorg-Theater feiert der Farcen-Welterfolg „Der nackte Wahnsinn“ als „Vun achtern und vun vörn“ plattdeutsche Erstaufführung.

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Brillantes Duo sorgte für viele Lacher: Nils Owe Krack als Gerhard Jungmann und Birthe Gerken als Britta Asmus.

Quelle: dpa

Hamburg. . Klemmende Türen, fallende Hosen und Schauspieler, die ihren Text nicht beherrschen – dafür eigene Befindlichkeiten wichtiger nehmen als das Stück, an dem sie gerade arbeiten: Mit solch stereotypen Bestandteilen drittklassiger Theateraufführungen gelang Michael Frayn ein Welterfolg. Seine Farce „Der nackte Wahnsinn“ von 1982 ist eine brachial komische Liebeserklärung an die Welt der Bühne, die bei ihm als Tournee-Schmierenaufführung durch die englische Provinz daherkommt. Im wahrsten Sinn des Wortes krachend lässt der Brite Frayn seine Puppen tanzen. Und schuf so ein unvergängliches Exempel absurden angelsächsischen Humors.

Es durfte wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis das Hamburger Ohnsorg-Theater das geniale, lustig hintergründige Spiel für sich entdeckt. Am Sonntagabend hob sich denn auch der Vorhang für „Vun achtern und vun vörn“ als plattdeutsche Erstaufführung in der Übersetzung von Hartmut Cyriacks und Peter Nissen. Für die vom Premierenpublikum mit viel Gelächter und Applaus quittierte Inszenierung sorgte ein Brite: der Waliser Michael Bogdanov.

Dass seine Darbietung anfangs eher unbritisch eindimensional und  behäbig wirkt, später eine  ordnende Struktur im Chaos vermissen lässt, scheint bei der Premiere kaum jemanden zu stören – die Stimmung ist durchweg prima. Im ersten Akt darf man sich als Zuschauer gleich mitten in der letzten Probe für eine Boulevard-Komödie von zweifelhaftem Wert wähnen. Denn während auf der Bühne im Ambiente eines gediegenen Landhauses zunächst Sandra Keck die Schauspielerin Dotti mimt, die als resolute Haushälterin Frau Klapproth eigentlich nur in Ruhe einen Teller Sprotten vertilgen möchte, erteilt ihr Erkki Hopf als Regisseur Lars von Leer Anweisungen aus der letzten Saal-Sitzreihe.

Doch auch mit seinem Problem, eine nicht lange heimlich bleibende Affäre mit seiner attraktiven Darstellerin Britta (Birthe Gerken) zu beginnen, während die Inspizientin Petra (Tanja Bahmani) ein Kind von ihm erwartet, ist man bald mittendrin im wüsten Treiben. Liebeleien, Eitelkeiten, Trunksucht  und gruppendynamischen Prozesse entwickeln sich im Laufe des zweiten und dritten Akts zum handfesten Desaster. Dabei passiert das wahre Drama hinter der Bühne, während sich das Spiel auf ihr in jeder Hinsicht reduziert. Denn das ist der Clou an Frayns Stück: Wir erleben das gleiche Geschehen im Prinzip dreimal: erst die Probe auf der Bühne, dann die slapstickartig ausgetragenen zwischenmenschlichen Turbulenzen  dahinter während einer Aufführung nach vier Wochen, schließlich die Entfesselung rohester Kräfte und Triebe beim noch später stattfindenden Gastspiel.   Ulrike Cordes

LN

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