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„Kommst du auch?“, fragt Jan Simowitsch

Lübeck „Kommst du auch?“, fragt Jan Simowitsch

Wenn ich Zeit hab, komme ich gerne vorbei“, sage ich — und habe sogleich ein schlechtes Gewissen, da ich zumeist keine Zeit habe.

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Jan Simowitsch (36) ist seit dem 1. März Referent für Popularmusik in der Nordkirche. Der Musikpädagoge hat in seiner Heimatstadt Rostock Klavier studiert, arbeitete seit 2004 als Kirchenmusiker in Bad Segeberg und spielt begeistert Schlagzeug.

Quelle: Roeßler

Lübeck. Wenn ich Zeit hab, komme ich gerne vorbei“, sage ich — und habe sogleich ein schlechtes Gewissen, da ich zumeist keine Zeit habe. So schaffe ich es auch dieses Mal nicht zur Reihe „PetriVisionen“ in die Petrikirche nach Lübeck. An jedem ersten Sonnabend im Monat gibt es dort um 23 Uhr eine Veranstaltung, in der Lichtinstallation, Musik, Lyrik und Tanz aufeinander treffen.

Aber es gibt ja noch viel mehr kulturelle Möglichkeiten. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe findet eine Ausstellung zum Thema „Hamburg in den zwanziger Jahren“ statt. Museum für Kunst und Gewerbe klingt ja irgendwie altbacken, dabei wird hier Kunsthandwerk gesammelt. Kunst, die im Leben der Menschen eine aktive Rolle spielt, sei es in der Werbung, in der Stadtplanung oder als Propagandamaterial. Die Ausstellungen sind gut aufbereitet, eine angemessene Menge an Lesetext gibt es immer. Was mich nun dieses Mal erwartet, weiß ich nicht — deswegen fahre ich ja hin.

Und fahre auch sonst oft Zug, ein Buch ist immer dabei. Eins, dass mich noch lange nach dem Lesen bewegt, ist „Wo wir einst gingen“ von Kjell Westö , einem schwedisch-finnischen Autoren. Hier schreibt er über die Gesellschaft um die Zeit des finnischen Bürgerkriegs 1918. Er verwebt verschiedene Familienstränge, die in den Wirren der Geschichte mal zusammen finden und dann wieder auf den Tod verfeindet sind.

Aber auf langen Zugfahrten kann man nicht nur lesen, insofern habe ich immer ein wenig Musik dabei. Durch einen Zeitungsartikel wurde ich auf einen Countrykünstler aufmerksam. Dies ist zwar nicht mein Lieblingsgenre, aber wie überall gibt es da gute und weniger gute Musiker und Musikerinnen. Laut Artikel durfte ich einen jungen, bärtigen (Country!) und breiten Typen mit Gitarre erwarten, der jedoch eher nach Memphis-Soul als nach Nashville-Country klingt. Und man möge ihn doch bitte live hören. Also gut, Internet und los geht‘s: Chris Stapelton — „Sometimes I cry“ . Yes, Mister! Die Halbakustikgitarre ist voll Western, doch der Gesang klingt eher nach Otis Redding. Von erdig tief bis federleicht in die Kopfstimme und zwischendurch tief verzweifelt. Ja, das ist ein großer, bärtiger Mann mit Gitarre und einer unglaublichen Stimme für das Alter. Großes Kino. Wenn es da mal ein Konzert gibt, da muss ich hin!

Aber sonst gilt für Kirchenmusiker der Satz, das nächste Konzert ist immer das Schönste. Mit etwas Selbstironie und Bezug auf die eingangs erwähnte Zeitknappheit, ist das nächste allerdings nicht nur das Schönste, sondern auch ein eigenes: Für mich ist das Abschiedskonzert am Ostermontag um 19.30 Uhr im Gemeindezentrum Glindenberg in Bad Segeberg (An der Trave 60) das Nächste. Nach über elf Jahren im Gruppenkantorat mit Andreas Maurer-Büntjen werde ich morgens in einem festlichen Gottesdienst verabschiedet und spiele abends mit Weggefährten des Musikbergs (Jugendmusikprojekt der Ev.- Luth. Kirche in Segeberg) ein fröhliches Konzert mit viel Pop, Soul und Funk. Wir wollen noch mal gemeinsam feiern. Der Eintritt ist frei.

Kommst du auch? — Nun, neuerdings habe ich mir angewöhnt, auf diese Frage zu antworten mit: Wahrscheinlich schaffe ich es nicht, aber lade mich trotzdem immer wieder ein. Denn es wird schon noch klappen.

LN

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