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Komödien mit Hamburger Lokalkolorit

Lübeck Komödien mit Hamburger Lokalkolorit

Das St. Pauli-Theater wird 175 Jahre. Die Familie des Lübecker Schauspielers Sven Simon ist ihm eng verbunden.

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Das älteste Privattheater Hamburgs und eines der ältesten Bühnen Deutschlands: das St. Pauli-Theater.

Lübeck. Ein wenig ist Sven Simon schon enttäuscht darüber, dass er – bisher – nicht zur Jubiläumsgala eingeladen worden ist. Am 30. Mai feiert das St. Pauli-Theater sein 175-jähriges Bestehen, und Simons Familie ist nicht ganz unschuldig daran, dass das Haus an der Hamburger Reeperbahn, eine der ältesten Bühnen Deutschland, fast ohne Unterbrechung in die Theatergegenwart geführt werden konnte.

LN-Bild

Das St. Pauli-Theater wird 175 Jahre. Die Familie des Lübecker Schauspielers Sven Simon ist ihm eng verbunden.

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Simons Großeltern Siegfried und Anna, sein Vater Kurt und seine Tante Edith haben als Intendanten dafür gesorgt, dass in dem prominenten Gebäude neben der ebenfalls prominenten Davidwache fast 50 Jahre lang dramatisches Hamburger Lokalkolorit aufgeführt wurde. Es gab hier Komödien, die sowohl das eingeborene Publikum anzogen wie die bürgerliche Meute aus den besseren Stadtteilen. Aus Eppendorf oder Winterhude kam man in früheren Jahrzehnten zum Gaffen und ein wenig auch zum Gruseln in den hafennahen Stadtteil mit seinen Prostituierten und der rohen Matrosenkultur.

Sven Simon lebt seit mehr als 30 Jahren in Lübeck, doch die Hamburger Theatergeschichte der Familie ist ihm immer noch ganz nah. Nicht nur, weil er selbst Schauspieler geworden ist – am Theater in der Beckergrube ist er der Dienstälteste und Publikumsliebling dazu. Sondern vor allem, weil das St. Pauli- Theater in seiner Kindheit so etwas wie das Epizentrum familiärer Umtriebe war.

„Meine ersten Erinnerungen sind: Ich wurde als kleiner Junge mit meinem Bruder zusammen vormittags mit ins Theater genommen. Mein Vater hatte oben im Büro zu tun, wir Kinder durften auf der Bühne zwischen den Kulissen herumtoben.“ Und dann das jährliche Weihnachtsmärchen: „,Peterchens Mondfahrt!‘ oder ,Kasperle und Hannele‘. Unser Vater hat uns beide höchstpersönlich in die erste Reihe gesetzt – natürlich schick angezogen.“ Das war in den 1960er Jahren. Da gehörte das Haus den Simons schon seit über 40 Jahren.

Großvater Siegfried Simon, Betreiber des Flora-Theaters am Schulterblatt im Schanzenviertel, hatte sein Kulturunternehmen 1921 nach St. Pauli expandiert. Das Theater am Spielbudenplatz hieß damals noch Ernst-Drucker-Theater nach dem Vorbesitzer. Der hatte das 1841 gegründete Varieté seit 1895 mit Klassikern, Possen, Parodien und Sittenstücken („Die gepeitschten Pfandweiber“) bespielt.

Theaterdirektor Siegfried Simon machte erste Versuche mit niederdeutschen Stücken. Als er 1924 starb, führte seine Witwe Anna die Geschäfte weiter. Sven Simon kann sich noch an seine Großmutter Anna erinnern: „Sie war eine Prinzipalin, die nicht nur Respekt verlangte, vor der sich die Schauspieler, Regisseure und Techniker auch fürchteten.“ Vom Chauffeur ließ sie sich im offenen Wagen von Eppendorf, wo die Familie wohnte, an die Reeperbahn fahren. „Es schien so, als leitete sie nicht ein Vorstadttheater, sondern die Staatsoper.“

Der Stolz war angebracht – schließlich war sie vermutlich die erste Theaterdirektorin in Deutschland. Die Bühne prosperierte unter ihrer Regie, Stücke über lokale Originale waren beim Publikum sehr beliebt. 1941, als das Theater sein 100-jähriges Jubiläum feiern wollte, ging den NSDAP-Oberen auf, dass Ernst Drucker ein Jude war. „Der Name musste also verschwinden“, berichtet Sven Simon. Von nun an hieß das Haus St.

Pauli- Theater. Dass auch die Simons jüdische Wurzel hatten, blieb der Öffentlichkeit verborgen.

Anna Simons Sohn Kurt führte Regie beim Jubiläumsstück „Hamburger Luft vor hunnert Joohr“. Der Mann mit der Heinz-Erhardt-Figur und -Brille sollte auch das Programm in der Nachkriegszeit bestimmen.

1964, nach dem Tod seiner Mutter Anna, wurde er Direktor, seine Schwester Edith kümmerte sich um den kaufmännischen Teil. Mit der Eroberung der Wohnzimmer durch das Fernsehen ging die Zahl der Zuschauer zurück.

Zudem war das St. Pauli-Theater in einem schlechten baulichen Zustand. Subventionen gab es für die Privatbühne nicht. 1969 gaben die Simons auf. Kurt Collien, Impresario des Operettenhauses nebenan, sprang ein. Er rettete das St. Pauli- Theater mit dem Einsatz von Freddy Quinn („Der Junge von St. Pauli“).

Die Familie Collien beerbte die Familie Simon, Kurt Colliens Sohn Michael und der Enkel Thomas führten das Theater weiter. 2003 überließ Thomas Collien die Bühne dem Regisseur Ulrich Waller und dem Schauspieler Ulrich Tukur. Mit ihnen kamen Größen wie Peter Zadek, Eva Mattes, Hannelore Hoger oder Angela Winkler nach St. Pauli.

Sven Simon wurde übrigens nicht am St. Pauli-Theater vom Schauspielervirus infiziert. „Als ich etwa 13, 14 Jahre alt war, entwickelte ich eine Leidenschaft für den Tanz.“ Außerdem sang er im Kinderchor der Staatsoper. „Als ich dann bei einer Ballett-Produktion von John Neumeier mitmachen durfte, war es um mich geschehen.“ „Romeo und Julia“ war sein erstes Stück. „Meine Eltern fanden das völlig grotesk, sie wollten, dass ich Polizist werde.“

Beliebter Schauspieler

Sven Simon, 1960 in Hamburg geboren, ist seit 1983 festes Ensemblemitglied am Theater Lübeck. Zurzeit ist er in Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ als Zauberkönig zu sehen, als Alonso in William Shakespeares „Der Sturm“, als Heilbutt und Schulz in Hans Falladas „Kleiner mann, was nun?“ und als Markgraf Rüdeger in Friedrich Hebbels „Die Niblungen“.

Ältestes Theater

Das St. Pauli-Theater feiert am Montag, 30. Mai, sein 175. Jubiläum in der Hamburger Laeiszhalle mit einer Gala. Am 30. Mai 1841 hob sich an der Reeperbahn das erste Mal der Vorhang des Vorläufers Urania-Theater. Es hatte fast 1000 Plätze und sollte ein repräsentatives Schauspielhaus der Vorstadt sein. Das St. Pauli-Theater sei somit das älteste Theater Deutschlands, sagen die Betreiber Thomas Collien und Ulrich Waller.

Michael Berger

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