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Komponist, Außenseiter und Anarchist

Lübeck Komponist, Außenseiter und Anarchist

Das dunkle Genie Richard Wagner: Ulrich Drüners neue Biografie taugt als Standardwerk über den Komponisten.

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Lübeck. Etwas verspätet, nämlich knapp drei Jahre nach Richard Wagners 200. Geburtstag, legt Ulrich Drüner seine monumentale Biografie über Deutschlands vielleicht umstrittensten Künstler vor. Drüner war 33 Jahre Bratschist an der Stuttgarter Staatsoper und damit ein erfahrener Praktiker in der Aufführung von Wagner-Opern. Später hat er als Musikwissenschaftler über Wagner promoviert und ein Musikantiquariat mit dem Spezialgebiet Wagneriana geführt.

Fünfzehn Jahre hat er an dem voluminösen über 800-seitigen Buch gearbeitet. Es ist sein Lebenswerk: Er beherrscht die beinahe uferlose Sekundärliteratur, kennt neueste Quellen und reichert das Buch mit überraschendem Bildmaterial wie einer Wagner-Karikatur von Franz von Lenbach (siehe oben) an. Drüner hat ein gut lesbares Standardwerk geschrieben – Pflichtlektüre für alle, die sich der Musik und Faszination Wagners nähern wollen.

Wagner schuf sich eine Scheinrealität

Richard Wagner war nicht nur Dirigent, Komponist, ein mit allen Wassern gewaschener Theatermann, sondern auch ein begnadeter Schriftsteller und Geschichtenerzähler. Und so wie er die vier Abende des „Ringes“, die Libretti von „Tannhäuser“ oder „Parzifal“ erschuf, so erfand er auch sein eigenes Leben neu. Er war ein Mythomane – da kam es auf die Wahrheit nicht so an: Er schuf sich eine Scheinrealität. Vieles ist bei Wagners autobiographischen Schriften, die man laut Drüner in der Tradition der romantischen Genieliteratur lesen muss, unter den Tisch gefallen: der Einfluss von Heine, Hegel und Feuerbach, die völlig uneigennützige Unterstützung von Giacomo Meyerbeer in den Pariser und Dresdner Jahren, die doch sehr zweifelhaften Methoden des Pumpgenies, das ewig pleite war.

Drüners Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es Widersprüche gelten lässt. Er hat die Quellen sorgsam geprüft, insbesondere Wagners Autobiografie „Mein Leben“ mit zeitgenössischen Quellen abgeglichen. Sich widersprechende Belege werden gegeneinander abgewogen. Unbekannte Briefe sind inzwischen veröffentlicht oder werden von Drüner zum ersten Mal zitiert. Er versucht, Wagner aus seiner Zeit heraus zu verstehen, und untersucht intensiv Wagners Strategien der Lebensgestaltung.

Auf Beschönigungen wird verzichtet: Wagner war ein scharfer, von Hass und Neid getriebener Antisemit. Hier handelt es sich, so Drüner, nicht nur um einen „Fehltritt“, die Judenfeindschaft ist vielmehr seit 1850 prägend für sein Schaffen. Dies wird mit vielen Zitaten aus den Libretti, aus Briefen, Zeitungsartikeln oder Tagebüchern von Familienmitgliedern belegt. Wagners Opernfiguren Alberich, Mime, Beckmesser und Kundry waren für die Zeitgenossen eindeutig als „jüdische“ Charaktere erkennbar. Die Schrift „Das Judentum in der Musik“ hält der Biograph für Wagners „wirkungsmächtigstes“ Werk und das „fürchterlichste der gesamten Musikgeschichte“. Es stieg später zum „zentralen Dokument der kulturpolitischen Rechtfertigung des nationalsozialistischen Antisemitismus“ auf.

Und dennoch haben sich Juden von ihm angezogen gefühlt. Das begann mit Wagners eigenem Kreis. Liszts Lieblingsschüler Carl Tausig und Thomas Manns späterer Schwiegervater Alfred Pringsheim gehörten zu den glühenden ersten Wagnerianern.

Erstaunlich: Viele

Wagnerianer waren Juden

Über das gesamte 20. Jahrhundert bis heute gibt es gerade unter den englischen und amerikanischen Wagnerianern erstaunlich viele erfolgreiche jüdische Geschäftsleute und Künstler. Theodor Herzl ließ

den Zweiten Zionistenkongress mit der Tannhäuser-Ouvertüre eröffnen. Der englische Autor Stephen Fry, „besonders stolz darauf, dass er jüdisch und schwul ist“, hat für die BBC die vielleicht beste filmische Einführung in Wagners Welt verfasst (lässt sich inzwischen auf Youtube nachprüfen).

Was machte diesen Komponisten für sie so attraktiv? Wagner kannte die Rolle des Paria, er war zum Nomadenleben gezwungen. Er war unsicher, wer sein Vater war und ob dieser Jude war. Als junger Mann kämpfte er mit dem Schuldgefängnis in Paris. Übrigens nicht, weil er von dem jüdischen Musikverleger Schlesinger ausgebeutet wurde, sondern weil er nicht mit Geld umgehen konnte, wie Drüner überzeugend darlegt.

In Dresden ergatterte er dann eine gute Dirigentenstelle, nur um sie als linker Rädelsführer bei der Revolution 1849 wieder zu verlieren. Danach war er steckbrieflich gesuchter politischer Flüchtling in Zürich. Und selbst nach der Rückkehr nach Deutschland an den Hof Ludwigs II. viele Jahre später musste er München wieder verlassen. Wagner war sein Leben lang Außenseiter, kaum jemand hat das Leben am Rand der Gesellschaft eindringlicher dargestellt als er.

Noch ein anderes Element des Wagnerschen Kunstbegriffes arbeitet Drüner heraus. Sein Denken war von Frühsozialisten und Anarchisten beeinflusst. Sein Dirigentenkollege August Röckel macht ihn mit Bakunin bekannt und führt ihn in die erste Reihe der Dresdner Revolutionäre. In der Schrift „Oper und Drama“ heißt es, das Ziel seiner Kunst sei revolutionär: „Das Unbewußte der menschlichen Natur in der Gesellschaft zum Bewußtsein bringen, ( ) heißt aber so viel, als den Staat vernichten.“

Der Biograf entlarvt Wagners Lügengebäude

Ulrich Drüner, 1943 in Frankreich geboren, hat von 1963 bis 1969 Musik und Musikwissenschaft studiert und 1987 über Richard Wagner promoviert. Er war Bratschist im Stuttgarter Kammerorchester und im Orchester der Staatsoper Stuttgart.

Richard Wagner hat laut Drüner einige Lügengebäude um sich herum erschaffen – dass er als deutscher Künstler von der jüdischen Presse ungerecht behandelt wurde, vom jüdischen Komponisten Meyerbeer getäuscht und von dem jüdischen Musikverleger Schlesinger ausgebeutet wurde.

„Richard Wagner – Die Inszenierung des Lebens“ von Ulrich Drüner, Blessing-Verlag, 832 Seiten, 34,99 Euro

Christian Schwandt

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