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Konzert für Peter Herbolzheimer

Lübeck Konzert für Peter Herbolzheimer

Beim Lübecker Travejazz-Festival wird an den Jazz-Musiker und Bigbandleader erinnert.

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Peter Herbolzheimer (vorne in der Mitte sitzend) und das Bundesjazzorchester. Schräg links hinter Herbolzheimer Herb Geller, letzte Reihe 2. v. r. Till Brönner.

Quelle: Fotos: Peter Ortmann

Lübeck. Einmal stoppte Peter Herbolzheimer die Probe mit dem Bundesjazzorchester und wollte wissen, wer den Bass spielt. „Ich“, sagte jemand hinter ihm. Herbolzheimer fragte: „Wer ist ich?“ Der Bassist nannte seinen Namen, und Herbolzheimer meinte: „Erschieß dich.“

LN-Bild

Beim Lübecker Travejazz-Festival wird an den Jazz-Musiker und Bigbandleader erinnert.

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Er war sicher nicht das Feingefühl in Person, wenn es um Musik ging, zumal um seine Musik. Und nicht jeder konnte damit umgehen. Aber vielleicht war es gerade dieser wenig ausgeprägte Hang zur Nachsicht, der seine Rhythm Combination & Brass zu einer der besten Bigbands in Europa machte. Inzwischen ist Herbolzheimer seit sieben Jahren tot, beim Travejazz-Festival im Herbst wird mit einem Tribute-Konzert an ihn erinnert.

Zu verdanken ist das vor allem Peter Ortmann, der bei einem Auftritt mit seinem Musikerkollegen Christian Sondermann über Herbolzheimer gesprochen hatte. Ortmann lebt seit einigen Jahren in Lübeck, sitzt im Vorstand des Vereins Jazzpool und kennt Herbolzheimer aus gemeinsamer Zeit beim Bundesjazzorchester (BuJazzO). Sie haben es gegen Ende der Achtziger zusammen aufgebaut. Herbolzheimer hat es fast 20 Jahre geleitet, Ortmann – Promotion über „Jugendzeitschriften und populäre Musik“ und Klavierlehrer von Götz Alsmann – war bis 2012 Projektleiter des Orchesters beim Deutschen Musikrat.

Herbolzheimer hat als Gitarrist begonnen, ist zur Posaune gewechselt, setzte nachher aber vor allem als Bandleader, Komponist und Arrangeur Maßstäbe. Er hat ganze Regalmeter von Songs geschrieben, die heute vor allem in den Archiven seiner Enkelin Lisa und der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung im baden-württembergischen Trossingen lagern. Beim Travejazz-Festival wird eine etwa 20-köpfige Band einige davon spielen – am Nachmittag des 9. September im Schuppen 6.

Fast alle Musiker der Band waren irgendwann einmal im BuJazzO, das im Übrigen auch Helmut Kohl zu verdanken ist. Der Bundeskanzler hatte den Gedanken an ein Jazz-Pendant zum klassischen Bundesjugendorchester seinerzeit aufgegriffen, dann kam die Maschinerie in Gang. Peter Ortmann hatte vorher als Bildungsreferent der Akademie der kulturellen Bildung in Remscheid gearbeitet und wurde eigens für das Projekt geholt. Dort arbeitete er eng mit Herbolzheimer zusammen. Manchmal, sagt er, hat er ihn häufiger gesehen als seine Familie.

Am wohlsten habe sich Herbolzheimer zu Hause in seiner Küche gefühlt, hoch über Köln im 21. Stock. Ein kantiger Mann, wenn es um Musik ging, aber immer bereit, jedes scharfe Wort hinterher sofort zu vergessen. „Er hatte eine einnehmende Art“, sagt Ortmann. „Vielleicht hier und da nicht ganz einfach, aber so was von in Ordnung, wenn man mit ihm zusammensaß. Er hatte präzise ästhetische Vorstellungen, wie die Musik klingen sollte. Deswegen war er eigentlich auch nie so richtig zufrieden.“

Nach seinem Abschied vom BuJazzO 2006 hat Herbolzheimer mit seiner European Jazz Academy ein eigenes Projekt gegründet, in dem Jung und Alt, Profis und Amateure nebeneinander saßen. Bei seiner Trauerfeier 2010 hat seine Rhythm Combination & Brass noch einmal gespielt, ebenso vor wenigen Wochen bei der Trauerfeier für seine verstorbene Frau. Auch einige Musiker aus der Band vom Travejazz-Festival waren in seiner alten Band aktiv.

Herbolzheimer hatte sie Ende der Sechzigerjahre gegründet, nachdem er zuvor bei General Motors in Detroit als technischer Zeichner gearbeitet und in Deutschland Musik studiert und unter anderem mit Udo Lindenberg gespielt hatte. Anfangs eher im Jazzrock zuhause, entwickelte die Rhythm Combination & Brass später ihren eigenen Sound. Größen wie Dizzy Gillespie und Albert Mangelsdorf waren Gäste, als Hausmusiker bei „Bio’s Bahnhof“ erreichten sie ein Millionenpublikum. Herbolzheimer war auch zur Stelle, als die Rundfunkanstalten ihre eigenen Orchester auflösten, aber trotzdem Musiker brauchten.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nannte ihn in ihrem Nachruf einen „der besten Jazzpädagogen, die es je in Deutschland gab“. Viele haben mehr als gute Erinnerungen an ihn, nicht nur die über 500 Musiker, die das BuJazzO durchlaufen haben. Einer von ihnen war der Trompeter Till Brönner, längst ein Star auf internationalen Bühnen. „Danke, Lehrer“, schrieb er, als Herbolzheimer im März 2010 mit 74 Jahren starb.

4. Travejazz-Festival

Vom 7. bis 10. September findet das vierte Travejazz-Festival statt. Dabei sind u. a. der US-Saxofonist und Ex-James-Brown-Bandleader Pee Wee Ellis, die skandinavische Sängerin Ida Sand, das Annelie Ripke Quartet, die Bands Diazpora, Bento, Kutimangoes und Screenclub sowie die Bigband der Musikhochschule Lübeck. Die Festival-Band und Salt Peanuts teilen sich am 9. September die Zeit von 15 bis 17 Uhr.

Tickets gibt es bei den Vorverkaufsstellen oder unter www.travejazz.de

Peter Intelmann

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