Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Krazy Kat liebt Ignatz Mouse

Frankfurt am Main Krazy Kat liebt Ignatz Mouse

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt Comic-Zeichner als künstlerische Avantgarde.

Voriger Artikel
Eintauchen, treiben lassen
Nächster Artikel
Die schrillen Visionen des Starautors

„Polly and Her Pals“ ist eine Comicserie von 1912 bis 1958 des US-Zeichners Cliff Sterrett. Zu sehen ist eine Zeichnung aus dem Jahr 1927.

Frankfurt am Main. Als die ersten Bildergeschichten in deutschen Tageszeitungen auftauchten, galten sie nicht als Kunst, sondern als harmlose Unterhaltung. Die „Berliner Illustrirte Zeitung“ wagte 1934 einen Versuch mit den Episoden von „Vater und Sohn“, die der Zeichner Erich Ohser unter dem Pseudonym e.o.plauen wortlos verfasst. Da waren die Zeichner, die in den USA die Zeitungen mit ihren expressiven Einfällen illustrierten, längst als bedeutende Künstler anerkannt. „Spektakulär, groß und in Farbe eroberte der Comic ab 1897 sein Publikum“, weiß der Kurator Alexander Braun, der die überaus opulente Ausstellung „Pioniere des Comic – Eine andere Avantgarde“ in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main verantwortet.

LN-Bild

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt Comic-Zeichner als künstlerische Avantgarde.

Zur Bildergalerie

Bis dahin „unbekannte Seherfahrungen“ hätten die Künstler ihrem Publikum geboten, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus allen Schichten und besonders aus den Einwanderern zusammensetzte.

Braun präsentiert in der noblen Schirn ab heute „vergessene Bildwelten“ – 230 Comic-Zeitungsseiten von 1905 bis in die 1940er Jahre, darunter auch viele Originalzeichnungen, die in der Mehrzahl erstmals öffentlich gezeigt werden. Vorgestellt werden Werke von sechs US-amerikanischen Zeichnern, die „mitunter den bildenden Künstlern der europäischen Avantgarde eine Nasenspitze voraus waren“, wie Alexander Braun sagt.

Der Comic habe in den US-amerikanischen Tageszeitungen ein Millionenpublikum erreicht, während in Europa die Zeichnungen mit oder ohne Sprechblasen zunächst für künstlerisch minderwertig gehalten worden seien. Mit den Bildergeschichten sei zudem eine „Demokratisierung der Bildkultur“ einhergegangen, da die Zeitungen preiswert für jedermann zu erwerben waren. Braun ist überzeugt: „Die Zeitungsseiten verströmen noch heute den energetischen Atem einer Epoche des Aufbruchs, der Zukunftsgläubigkeit und des kometenhaften Aufstiegs des Massenmediums Zeitung.“ Eigene Comic-Hefte seien erst ab den 1930er-Jahren hergestellt worden.

Zu den Pionieren gehört Winsor McCay, der nach den Worten von Kurator Braun zwanzig Jahre vor den europäischen Surrealisten schon surrealistisch zeichnete (siehe oben). Cliff Sterrett (1883-1964) nahm mit seinen psychedelisch verschlungenen Pflanzenbildern die Pop-Art um Jahrzehnte vorweg. Perspektiven geraten ins Wanken, Häuserzeilen biegen sich scheinbar im Wind. Mit „Polly and Her Pals“

etablierte er das Milieu der Mittelklassefamilie im Comic.

Die beliebte Comicfigur der Katze geht auf George Herriman (1880-1944) zurück, der ab 1913 die Serie „Krazy Kat“ zeichnete. Die Katze liebt Ignatz Mouse, die aber hasst Krazy Kat, wobei die Katze vom Hund Officer Pupp geliebt wird, für den die Katze kein Auge hat. Die Serie inspirierte Figuren wie „Micky Maus“ und „Tom und Jerry“. Mit seiner komplexen, mitunter absurden Dramaturgie, dadaistischen Sprachspielen und zeichnerischen Freiheit hat Herriman laut Kurator Braun das absurde Theater Samuel Becketts vorweggenommen.

Prominent in Deutschland wurde der in New York geborene deutschstämmige Lyonel Feininger (1871-1956). Er erhielt 1906 vom Verleger der „Chicago Tribune“ den Auftrag, zwei Comic- Strips zu zeichnen. Feininger erfand „The Kin-der-Kids“, drei Kinder deutscher Einwanderer, die bei ihrer Tante in den USA leben. Sie fliehen vor der Erziehungsberechtigten, die ihnen ständig Lebertran einflößen will, in einer großen Badewanne. Die Geschichte von den Kleinen, die sich gegen alle Autorität auflehnen, wurde bald für den kulturellen Verfall der Jugend verantwortlich gemacht. Doch Feininger entwickelte darin die Themen seiner späteren Gemälde, etwa Ansichten europäischer Städte und Kirchtürme – auch in Lübeck malte er. Das Honorar erlaubte ihm, in Paris ein Atelier zu mieten.

Dort traf er mit Malern des Kubismus zusammen, die sein Werk stark beeinflussten.

Kunsthalle Schirn, Römerberg, Frankfurt am Main; di, fr bis so 10 bis 19 Uhr, mi und do 10 bis 22 Uhr; Eintritt 7 Euro. Ein Katalog erscheint im Hatje Cantz Verlag, 272 Seiten, 35 Euro.

Der erste Surrealist

Winsor McCay (1869-1934) gilt als erster Surrealist und Übervater des frühen Comics. In seinen ab 1904 im „New York Herald“ erschienenen Serien „Dream of the Rarebit Fiend“ und „Little Nemo in Slumberland“ adaptiert McCay noch Fantasy-Geschichten seiner Zeit wie „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll oder „Der Zauberer von Oz“ von Lyman Frank Baum. Bei McCay wird der kleine Junge Nemo jede Nacht im Traum von König Morpheus’ Vasallen ins Schlummerland geholt, damit die Prinzessin einen Spielgefährten hat. Nemo wacht stets auf, wenn er in ausweglose und äußerst bedrohliche Situationen gerät, er muss dann von seinen Eltern getröstet werden. Nebenbei erstellte McCay 1911 den ersten richtigen Zeichentrickfilm.

Michael Berger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden