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Kriegerprozession zum Zulu-Altar

Lübeck Kriegerprozession zum Zulu-Altar

Kolonialismus, Gewalt, Fremdherrschaft: Doppelausstellung des Schotten Andrew Gilbert in Lübeck.

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Andrew Gilbert, 1980 in Edinburgh (Schottland) geboren, inmitten seiner Krieger in der Lübecker Petrikirche.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Lübeck. Eine eigenartige Prozession ist in der Petrikirche in Richtung Altarraum unterwegs: gut ein Dutzend lebensgroße Krieger und Kriegerinnen in roten Uniformen, die Gesichter mit Sackleinen verhüllt, mit Spiegeln oder Masken. An den Füßen tragen sie Damenstiefel, auch wenn es sich auf hohen Absätzen nicht gut marschieren lässt. Die groteske kleine Armee stammt von Andrew Gilbert (35). Er lässt sie auf einen Zulu-Altar zumarschieren.

Eröffnung der Ausstellung „Ulundi is Jerusalem — Andrew is Emperor — Brocoli ist Holy“ morgen um 15.30 Uhr in St. Petri, anschließend um 17 Uhr im Overbeck-Pavillon. Zu sehen bis zum 17.

April

Das Petri-Kuratorium und die Overbeck-Gesellschaft, seit kurzem Kooperationspartner, haben Andrew Gilbert für ihre erste gemeinsame Ausstellung nach Lübeck geholt. Der 35-Jährige, der aus Schottland stammt und in Berlin lebt, setzt sich mit dem Kolonialismus auseinander. Das Wüten der Briten in Südafrika, vor allem gegen die Zulus, ist eines seiner Themen. Aber auch der Konflikt zwischen England und Schottland. Denn die Muster seien die gleichen, sagt Gilbert: „Die Feinde werden als primitiv und unmenschlich hingestellt.“

Bilder und Installationen von Kämpfern, Schlachten, blutrünstigem Geschehen, afrikanischen Dorfszenen: Wer Ausstellungsort zwei, die Overbeck-Gesellschaft, betritt, mag sich in vergangene Jahrhunderte versetzt sehen. Gilberts Auseinandersetzung gilt in erster Linie dem britischen Kolonialismus. Der aber ist für ihn kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern eine politische und geistige Haltung, die fortwirkt. Er will zeigen: Gewalt und Fremdherrschaft können viele verschiedene Gesichter haben.

„Wir bringen unsere Schrott-Kultur nach Bagdad“, sagt der Künstler. Und an viele andere Orte. Supermarktwaren dienen ihm als Symbole dafür, tauchen immer wieder auf: Tee-Beutel, eine Einkaufstüte mit dem Schriftzug eines Billig-Discounters, Mohrrüben, Zucchini — und Broccoli, den Gilbert nur mit einem c schreibt: Brocoli — darauf legt er Wert. Gilberts künstlerische Sprache ist opulent, überbordend, voller Sarkasmus und Ironie — und nicht immer leicht zu dechiffrieren. Wer genau hinsieht, kann sich in seinen narrativen Werken verlieren. Kenntnisse über die Kolonialzeit sind hilfreich, aber nicht zwingend erforderlich. Oft arbeitet Gilbert mit Schrift. Zum Beispiel auf einem Bild, das auf den ersten Blick eine idyllische Familienszene zeigt:

Der Vater, bekleidet mit einer roten Uniformjacke, hat ein Kind auf den Knien sitzen, ein zweites spielt zu seinen Füßen auf dem Boden. „Daddy what did YOU do in the Great War?“, steht unten. Auch hier zeigt sich, dass einfache Botschaften Gilberts Sache nicht sind: Er lässt das Kind auf dem Fußboden mit kleinen Soldaten spielen. Der deutsche Kolonialismus kommt vor in Gestalt eines berittenen Soldaten mit einer Armee im Hintergrund. „Deutsch Südwest Afrika“ steht oben geschrieben. Und in kleineren Buchstaben darunter: „Still waiting for a hollywood film“.

Kriegsfilme, die er als Kind im Fernsehen sah, waren für Gilbert Anstoß für seine Beschäftigung mit dem Kolonialismus. „Die Briten machen gern patriotische Filme.“

Seine Doppelausstellung ist verstörend, beklemmend, herausfordernd, aber auch humorvoll, witzig — und außerordentlich aktuell. Dass ein Teil von ihr in einer Kirche stattfindet, mag manchem provokant erscheinen, passt aber andererseits gut. Schließlich ist Gilbert überzeugt: „Wir brauchen eine neue Reformation gegen die Schrott-Kultur.“

Liliane Jolitz

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