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„Künstler-Kontakte         machen glücklich“

„Künstler-Kontakte         machen glücklich“

Thorsten Rodiek wird als Leiter der Lübecker Kunsthalle und des Holstentors verabschiedet. Im LN-Gespräch zieht er Bilanz.

Sie waren 16 Jahre lang Leiter der Lübecker Museen für Kunst und Kulturgeschichte, haben den Bau der Kunsthalle St. Annen begleitet, die Konzeption des Museums Holstentor erarbeitet und zahlreiche Ausstellungen kuratiert. Wie schauen Sie zurück auf diese Zeit?

Thorsten Rodiek: Es war eine aufregende und auch abwechslungsreiche Zeit. Als Bilanz kann ich sagen, dass ich zufrieden bin mit dem, was ich realisieren konnte, auch mit den Ausstellungen in der Kunsthalle. Die Kontakte mit den unterschiedlichsten Künstlern haben mich auch persönlich bereichert.

Gab es auch Ärgernisse?

Rodiek: Ich war nicht sonderlich glücklich mit der Zusammenführung aller Lübecker Museen unter einer Leitung, die nicht kunsthistorisch begründet war. Das hat mich mitunter geradezu frustriert.

Aber mein Team war immer loyal wie eine große Familie.

Die Kulturinstitutionen stehen in Lübeck nun schon seit vielen Jahren unter Spardruck. Hat das Ihre Arbeit beeinträchtigt?

Rodiek: Das betrifft nicht nur Lübeck. Ich war vorher neun Jahre lang Direktor des Kulturgeschichtlichen Museums Osnabrück. Es wurde überall von Jahr zu Jahr prekärer. Heute wird verlangt, dass wir für den Ausstellungsbetrieb Drittmittel einwerben. Doch es gibt nicht unendlich viele Adressen, bei denen man Klinken putzen kann. Jede Ausstellung, die wir geplant haben, konnten wir realisieren. Von außen wird das für selbstverständlich gehalten. Dass aber hinter jeder Ausstellung eine immense Anstrengung steckt, wird kaum wahrgenommen.

Von außen sah es immer so aus, als hätten Sie die Präsentationen von leichter Hand gemacht.

Rodiek: So soll es ja auch sein. Besucher müssen sich nicht damit beschäftigten, dass wir Ausstellungsmacher uns vorkommen wie im Hamsterrad.

Einen Ankaufetat hatten Sie nicht. Wie konnten Sie neue Werke für die Kunsthalle beschaffen?

Rodiek: Es ist mir in den 16 Jahren gelungen, über 60 Werke – nur die Gemälde und die Skulpturen gerechnet – ans Haus zu binden. Das hat mit dem uns wohlgesonnenen Unterstützerverein zu tun, der einige Wünsch erfüllen konnte. Was mich glücklich gemacht hat, ist, dass eine Reihe von Künstlern, die hier ausgestellt haben, uns als Dank ein Werk überlassen haben. So kam einiges zusammen.

Haben Sie ein Lieblingsobjekt?

Rodiek: Es gibt Stücke, die ich sehr schätze. Darunter das Nagelbild „Wind“ von Günther Uecker, das alle Besucher im Foyer anspricht. Es ist für diese Stelle geschaffen worden. Aber es ist wie mit Kindern, bei denen kann man auch nicht sagen, dass eines das Liebste ist. Jetzt ist eine Leihgabe dazugekommen vom ehemaligen Lübecker Christian Klawitter, der ein Anwaltsbüro in Hamburg hat. Ich konnte mir zu meinem Abschied ein Stück aus seiner Sammlung aussuchen. Nun haben wir eine zweite Arbeit von Martin Assig, der mit der Technik der Enkaustik arbeitet, mit in Wachs gebundenen Pigmenten. Sie heißt „Tutu Zwilling I“, eine Frauengestalt.

Welche war für Sie die aufregendste Ausstellung?

Rodiek: Da fällt mir zuerst „Exil und Moderne“ von 2005 ein, bei der Bilder und Skulpturen von Picasso, Beckmann, Calder, Pollock zu sehen waren – Klassiker der Moderne. Dann „Emil Schumacher – Beseelte Materie“ und Natalia Gontscharowa, deren Ausstellung hatte über 20 700 Besucher. Zuletzt auch die Ausstellung von Ken Aptekar.

Gontscharowa gehört zur Klassischen Moderne, eine Epoche, die publikumswirksam ist. Warum haben Sie nicht mehr davon gezeigt?

Rodiek: Weil es mir verwehrt wurde. Die Klassische Moderne sollte im Behnhaus präsentiert werden. Allerdings hätte die Kunsthalle von den Räumlichkeiten und der Lichttechnik her bessere Möglichkeiten. Wenn man es darauf angelegt hätte, Publikum anzuziehen, dann sicherlich nicht mit der Kunst nach 1945, sondern mit Expressionisten und früher Moderne. Aber das ging nicht – par ordre du Mufti.

Das Holstentor soll neu bespielt werden. Was wünschen Sie diesem prominenten Museum?

Rodiek: Ich hatte da vor wenigen Jahren ein Konzept vorgeschlagen, das die ursprüngliche Funktion des Holstentors als Verteidigungsbau mit dem Inhalt in Übereinstimmung bringt. Wir haben in Lübeck eine ansehnliche Waffensammlung aus vielen Jahrhunderten, für die uns viele Museen beneiden. Mit Schwertern, Pieken, Flinten und was es alles gibt. Man kann anhand dieser Stücke viel erzählen über die Geschichte der Stadt, über Kaufleute und Handwerker. Die Bürger mussten ja lange Zeit ihre Stadt verteidigen und Waffen tragen. Es gibt neue Forschung zu den Waffen, die man einbeziehen hätte können. Daraus wird vermutlich jetzt nichts.

Interview: Michael Berger

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