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Künstler, Sammler, Despot

München Künstler, Sammler, Despot

Als Vater sei Buchheim ein Totalausfall gewesen, schreibt Yves Buchheim. In dessen Augen sei er stets das Kuckucksei gewesen, das ihm eine seiner Frauen ins Nest gelegt hätte. „Bastard“ nannte er ihn – und nun, wenige Tage nach dem 100. Geburtstag des Bestsellerautors, Malers und Museumsgründers, rächt sich der Geächtete mit seiner Sicht der Dinge.

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War sich seiner Bedeutung bewusst: „Das Boot“-Autor Lothar-Günther Buchheim. Jetzt sorgt ein Familieneklat für Schlagzeilen.

Quelle: Foto: Dpa

München. Der Vater habe Steuern in Millionenhöhe hinterzogen, schwarze Konten in der Schweiz und Connections in Panama unterhalten, schreibt der Sohn. Seine Immobilien am Starnberger See seien größtenteils schwarz gebaut worden. Auch beim Aufbau der Kunstsammlung sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Bedeutende Werke expressionistischer Maler habe der Vater zum Teil mit Hilfe von Strohmännern armen DDR-Bürgern abgekauft. Andere Bilder aus trüben Quellen habe er über den inzwischen berüchtigten Kunsthändler Hildebrand Gurlitt bezogen. Außerdem habe Buchheim die Ereignisse in seinem Erfolgsroman „Das Boot“ (über drei Millionen Exemplare Auflage) vollkommen übertrieben dargestellt. So geht es seiten-, ja kapitellang. Vieles ist von tiefer Abneigung, ja von Hass auf den Vater geprägt.

Das Leben von Lothar-Günther Buchheim und seiner zweiten Frau Diethild konnte so nur im geteilten Deutschland des 20. Jahrhunderts stattfinden. Es ist die faszinierende Aufsteiger-Saga eines Thüringers und einer Mecklenburgerin, die es in der Kunst- und Literaturwelt bis ganz nach oben schafften.

Buchheim wurde am 6. Februar 1918 als unehelicher Sohn einer depressiven Kunstmalerin in Weimar geboren. Bereits mit 15 Jahren eröffnete er die erste Ausstellung seiner eigenen Zeichnungen, ein Jahr später war er für die Wochenendausgabe der Chemnitzer „Allgemeinen Zeitung“ verantwortlich.

Nach dem Abitur studierte er an den Kunstakademien in Dresden und München. Später nahm er als Leutnant am Zweiten Weltkrieg teil und erlebte U-Boot-Operationen im Atlantik und in der Straße von Gibraltar. Der Journalist und Zeichner war einer der begabtesten jungen Leute in Goebbels’

Propagandatruppe.

Doch es gibt auch die ganz andere Seite: Als Marineoffizier im bretonischen Badeort La Baule lernt er Geneviève Militon kennen und lieben. Sie unterhält Verbindungen zum französischen Widerstand. Die schöne Französin erlebt eine Odyssee durch Gefängnisse und Konzentrationslager. 1948 heiraten Geneviève und Lothar-Günther Buchheim. Bald kommt Sohn Yves zur Welt. Buchheim hat neben der Ehefrau mehrere Geliebte, zuweilen die Partnerinnen bekannter deutscher Künstler. Mit der Ehe aber scheitert eine Galerie für exquisite moderne Kunst. Doch das Leben geht weiter. Als Kunstschriftsteller und Kunstverleger erarbeitet sich Buchheim mit Hilfe seiner zweiten Frau Diethild ein beträchtliches Vermögen. Die Rolle von Diethild Buchheim, überall Ditti genannt, wurde bisher sträflich unterschätzt. Lothar-Günther Buchheim lernt sie 1950 auf der Leipziger Buchmesse kennen. 1954 heiraten sie. Sie feiern eine „Geizkragenhochzeit“. Das wenige Geld, was da ist, wird für Kunst und den Aufbau des Verlages gebraucht. Am Ende ihres Lebens ist Diethild auch in der Museums- und Kunststiftung der Buchheims dominant. Lothar-Günther Buchheim schreibt einen Großteil seiner Kunstbücher zwar selbst, daneben Romane wie „Das Boot“ oder „Die Festung“. Letzterer hat alleine 1469 Seiten. Aber alle sind von ihm diktiert, von Diethild mehrfach getippt und redigiert worden, etwas despektierlich merkt Stiefsohn Yves an, so sei Dittis Wehrmachtsausbildung als Stenotypistin für Buchheim und den Verlag sehr nützlich gewesen. Yves mag seine Stiefmutter, die ihn immerhin aufzog, überhaupt nicht.

Die Lebensleistung des Paares aber kann das kaum schmälern. Das „Museum der Phantasie“ im bayrischen Bernried ist eines der bedeutendsten privat aufgebauten Museen in Deutschland. Unter Buchheims Romanen ist „Das Boot“ eines der wesentlichen Antikriegsbücher des zwanzigsten Jahrhunderts. Zurzeit wird das Buch noch einmal als Fernsehserie verfilmt. Die Abrechnung von Sohn Yves zeigt aber auch: Ein solches Leben hat seinen Preis – und manchmal zahlen ihn die Kinder.

Christian Schwandt

Yves Buchheim: „Buchheim – Künstler, Sammler, Despot: Das Leben meines Vaters“, 366 Seiten, Heyne-Verlag, München 2018, 24 Euro

Zur Person

Geboren: 6. Februar 1918 in Weimar.

Gestorben: 22. Februar 2007 in Starnberg.

Nach dem Abitur studierte er an den Kunstakademien in Dresden und München. Schon als Student fuhr er mit dem Rucksack nach Paris, um dort Grafiken zu erwerben.

Zum 100. Geburtstag des Künstlers am 6. Februar gab es in Bernried im Museum freien Eintritt für alle. Mehr als 200 Besucher drängten sich bei der Führung durch die Räume und versammelten sich anschließend, um mit dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und anderen Buchheim-Kennern des Jubilars zu gedenken.

Buchheim hatte seine Kunstsammlung und sein Vermögen bereits zehn Jahre vor seinem Tod in eine Stiftung eingebracht und im Stiftungsvertrag ausdrücklich verfügt, dass in seinem Museum nur Werke aus seiner eigenen Sammlung gezeigt werden dürfen.

Adresse: Wer mehr über das Museum und die Stiftung wissen will: www.buchheimmuseum.de. Telefonisch ist das Haus unter

08158/997020

zu erreichen.

LN

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